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Zweites Buch. Die Gegner.
Man darf aber nicht zu sehr auf dieses Projekt eingehen und
Einzelheiten verlangen, deren Darlegungen die Saint-Simonisten in
die größte Verlegenheit bringen würden.
Wer würde z. B. mit der dornigen Aufgabe betraut werden, die
Fähigkeiten zu beurteilen und die Arbeiten zu entlohnen? Die
„Universalmenschen“ (hommes generaux), antworten sie uns, besonders
hoch begabte Menschen, die „von den Fesseln der Spezialisierung
befreit“, ganz instinktiv den natürlichen Drang in sich fühlen werden,,
nur das allgemeine Interesse zu berücksichtigen.
An der Spitze steht, so schreiben sie an einer anderen Stelle,
derjenige, der „das soziale Schicksal am meisten liebt“ 1 ). Das-
ist nun nicht gerade sehr vertrauenerweckend, denn manchmal haben
selbst große Männer in recht bedauerlicher Weise ihre Privatinter
essen mit dem öffentlichen Wohl verwechselt.
Nehmen wir aber einmal die Überlegenheit der „Universal
menschen“ an. Aus welchem Grunde wird man ihnen gehorchen?
Werden die Untergebenen mit Gewalt dazu gezwungen, oder ge
horchen sie freiwillig? Die Doktrine glaubt an die letztere Hypo
these, denn ist die Religion der Saint-Simonisten nicht da, um die
Untergebenen mit beständiger Hingabe ihren Vorgesetzten gegenüber
zu erfüllen? um aus Liebe und Überzeugung den fröhlichen und be
ständigen Gehorsam zu sichern? 2 ) Man wird jedoch fragen, ob
denn nur die Saiut-Simonistische Religion das einzigartige Privileg
haben wird, keine Ketzer hervorzubringen?
Es würde zu nichts führen, die Einwände zu häufen; sie liegen
auf der Hand. Sie sind notwendigerweise auf jedes kollektivistische
System anwendbar und unterscheiden sich nur in ihren Einzelheiten.
Sobald man die soziale Selbstbetätigung, die freie Initiative des
Menschen durch eine wirtschaftliche Tätigkeit ersetzen will, die
in allen ihren Teilen vorausgesehen und organisiert ist, stößt man
sofort auf psychologische Unmöglichkeiten. An Stelle des Menschen
würden alle Kräfte ausgehen....“ Doctrine, S. 206—207. Der Gedanke eineA
solchen Systems stammt wahrscheinlich von Enfantin, denn er führt ihn schon in
einem Aufsatz des Producteur (III, S. 385) aus.
*) Doctrine, 8.210, Anm. An anderer Stelle: „Wir werden aller politischen
Grundsätze müde, die nicht unmittelbar und einzig bezwecken, das Schicksal der
Völker in die Hände von Männern Toller Ergebenheit und Genie zu legen.“
(Ebenda, S. 330.)
s ) „Wir werden mit Freuden zu jener hohen Tugend zurückkehren, die heute-
so mißverstanden, wir können sagen, mißachtet ist, jener Tugend, die zwischen
Wesen, die den gleichen Zweck verfolgen, so leicht, so liebenswürdig ist, daß alle
■ sie zu erreichen streben, und die so unleidlich, so aufbäumend wirkt, wenn sie dem
Egoismus gehorchen muß, — mit herzlicher Hingabe werden wir zum REJIQJß-
SAM zurückkehren“ (Doctrine, S. 330).