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Zweites Buch. Die Gegner.
sich anzuwerben, gerade um den sozialistischen Bestrebungen der
Kommission, die im Luxemburg-Palast tagte, und der, wie wir sehen
werden, Louis Blanc präsidierte, entgegenzuarbeiten. An ihre Spitze
stellte man einen seiner erklärten Gegner, den Ingenieur Emile
Thomas der schon 1849 in seiner Geschichte der nationalen
Werkstätten selbst erzählt, in welchem Sinne er sie leitete,
nämlich in Übereinstimmung mit der antisozialistischen Mehrheit der
provisorischen Regierung 1 ).
Durch diese Rechnung wurde aber schnell ein Strich gemacht.
Diejenigen, die die nationalen Werkstätten zum Vorteil ihrer eigenen
Politik gebrauchen wollten, wurden überstimmt. Die Revolution
hatte die Zahl der Arbeitslosen sehr vermehrt, die schon infolge der
wirtschaftlichen Krisis von 1847 ganz bedeutend gewesen war. Außer
dem ließ die Eröffnung der öffentlichen Werkstätten die Arbeitslosen
der Provinz nach Paris strömen. Anstatt 10000, auf die man ge
rechnet hatte, waren Ende März 21000 Arbeiter eingeschrieben, die
Ende April auf 99400 angewachsen waren. Man zahlte ihnen 2 Fr.
am Tag, wenn sie arbeiteten, und 1 Fr., wenn man ihnen keine
Arbeit geben konnte. Nach kurzer Zeit wußte man nicht mehr,
womit man sie beschäftigen sollte. Die meisten wurden ohne Rück
sicht auf ihren Beruf zu unnötigen Erdarbeiten herangezogen, die
sich aber sehr bald auch als ungenügend erwiesen. Diese Armee
von Unglücklichen wurde von Unzufriedenheit ergriffen, da sie sich
von der lächerlichen Arbeit, mit der man sie beschäftigte, erniedrigt
fühlte, und weil der geringe Lohn, der aber noch weit über den Wert
der geleisteten Arbeit hinausging, sie in keiner Weise zufriedenstellen
l ) Alle Geschichtsforscher stimmen in diesem Punkte überein, den Louis Blanc in
seiner Histoire de la Revolution de 1848 ausführlich dargelegt hat (Kap. XI).
Auch sind die zeitgenössischen Zeugnisse bezeichnend genug, besonders das, das
Lamartine in seiner Histoire de la Revolution de 1848 gibt (B. II, S. 120).
„Befehligt, geleitet und zusaramengehalten von Führern, die im geheimen im Ver
trauen der anti-sozialistischen Partei der Regierung waren, hielten diese Werk
stätten bis zur Ankunft der Assemblee Nationale den Arbeiter-Sektierern
der Klubs des Luxemburg-Palastes und den aufrührerischen Arbeitern das Gleich
gewicht. Durch ihre Menge und die Nutzlosigkeit ihrer Arbeiten erregten sie
den Unwillen der Pariser, aber sie beschützten und retteten Paris mehr als einmal,
ohne daß es davon wußte. Weit davon entfernt, im Solde Louis Blano’s zu stehen,
wie man gesagt hat, beseelte sie der Geist seiner Gegner.“ E. Thomas erzählt
(Histoire des ateliers nationaux, S. 146—147), daß am 23. Mai der Minister
Marie ihn zu sich kommen ließ und ihn „ganz im Geheimen“ fragte, ob er auf die
Arbeiter der nationalen Werkstätten zählen dürfe? „Finden Sie ein Mittel, sich
ihrer wirklichen Ergebenheit zu versichern. Sparen Sie das Geld nicht: wenn not
wendig, werden Sie Geld aus dem Geheimfonds erhalten“. •— „Zu welchem
Zweck“? frug Thomas. „Um des öffentlichen Wohles willen. Glauben Sie, Ihren
Leuten vollständig befehlen zu können ? Der Tag ist vielleicht nicht mehr fern, an
dem man sie zu Straßenkämpfen verwenden muß.“