Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  Y.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.  355
streift  hat,  —  ohne  daß  er  übrigens  für  jene  eine  besonders  lebhafte
Sympathie  gehabt  hätte 1 ).
Weiterhin  liegt  in  seinem  ganzen  Systeme  außer  der  wahren
Auffassung  des  Gegenseitigkeitskredites  eine  tiefer  schürfende  Idee,
die  es  vorteilhaft  von  allen  Formen  des  autoritären  Sozialismus,  die
vor  oder  nach  ihm  aufgekommen  sind,  unterscheidet:  es  ist  dies  das
tiefe  Verständnis  für  die  zwingende  Notwendigkeit  der  individuellen
Freiheit  als  Triebkraft  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  in  den  Gesellschaften, ­
  die  auf  der  Industrie  beruhen.  Besser  als  irgendeiner
seiner  Vorgänger  hat  er  begriffen,  daß  die  ökonomische  Freiheit  eine
endgültige  Erwerbung  der  modernen  Gesellschaft  sei,  und  daß  jede
wirkliche  Reform  auf  dieser  Freiheit  sich  aufbauen  müsse;  niemand
hat  besser  als  er  die  Macht  der  selbsttätigen  „wirtschaftlichen
Kräfte“  verstanden,  deren  verderbliche  Wirkung  er  wohl  gesehen
hat,  aber  in  denen  er  gleichzeitig,  wie  schon  A.  Smith  es  getan
hatte,  den  stärksten  Hebel  des  Fortschrittes  erkannte.  Seine  leidenschaftliche ­
  Sorge  um  Gerechtigkeit  erklärt  seinen  Haß  gegen  das
Eigentum,  aber  sein  eifersüchtiges  Streben  nach  Freiheit  rief  seine
Feindschaft  gegen  den  Sozialismus  hervor.  Sie  hat  ihn  dazu  geführt, ­
  mehr  zu  zerstören  als  aufzubauen,  trotz  seiner  berühmten
Formel:  Destruam  et  aedificabo.  Aber  dieser  Liberalismus
beruhte  auf  einem~sicEeren~Gefühl  für  die  wirtschaftlichen  Wirklichkeiten, ­
  und  die  soziale  Frage  stellt  sich  auch  heute  noch  in  keiner
anderen  Form  als  derjenigen,  in  der  sie  sich  Peoudhon  stellte:  Die
Gerechtigkeit  in  der  Freiheit  zu  verwirklichen.
Das  Projekt  der  Tauschbank  Pboudhon’s  darf  nicht  mit  ähnlichen ­
  Plänen,  die  vor  oder  nach  ihm  aufgekommen  sind,  verwechselt
werden.  Alle  diese  Pläne  haben  gemeinsam,  daß  sie  in  einer  Reform
des  Tausches  eine  Hilfe  gegen  die  sozialen  Ungleichheiten  suchen,  —
aber,  hiervon  abgesehen,  ist  die  Analogie  meistens  nur  äußerlich,  und
wie  wir  sehen  werden,  sind  die  wirtschaftlichen  Ideen,  auf  denen  sie
sich  aufbauen,  recht  verschieden.
1.  Man  hat  das  Projekt  Peoudhon’s  oft  mit  dem  System  der
„Arbeitbons“  in  Verbindung  gebracht,  das  Robbet  Owen  einzuführen
versuchte,  oder  wie  der  Engländer  Beat  es  in  seinem  „Labour’s
*)  „Man  tut  sich  noch  aus  Gründen  der  Wirtschaftlichkeit  des  Verbrauchs
zusammen,  um  den  Nachteilen  des  Kleinhandels  zu  entgehen.  Dieses  Mittel  rät  Rossr
den  Hausfrauen  in  kleinen  Haushalten,  denen  ihre  Mittel  nicht  gestatten,  im  großen
einzukaufen.  Diese  Art,  von  Assoziation  .  .  .  zeugt  aber  gegen  das  Prinzip.  Man
gebe  dem  Produzenten  durch  den  Austausch  seiner  Produkte  die  Möglichkeit,  sich
im  großen  zu  versorgen,  oder,  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  den  Kleinhandel
unter  Bedingungen  zu  organisieren,  die  ihm  ungefähr  die  gleichen  Vorteile  lassen,
wie  der  Verkauf  im  großen,  und  die  Assoziation  wird  überflüssig.“  Idee  generale
de  la  Revolution,  S.  92.

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