Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Optimisten.

883

4.
wortet  Cabeyjl.  daß  ganz  im  Gegenteil  die  ärmsten  Böden  es  sind,
anf  denen  die  Kultur  beginnt,'  und  daß  man  erst  später  und  nach,
und  nach  die  reicheren  Felder  in  Angriff  nimmt.  Infolgedessen  ergibt ­
  sich  der  umgekehrte  Schluß,  denn  mit  steigender  Produktivität
wird  der  Preis  des  Getreides  fallen.  Die  Gründe,  auf  die  er  diese
Umkehrung  im  Gange  der  Bodenkultur  stützt,  sind  höchst  eindrucksvoll. ­
  Zunächst  weist  er  darauf  hin,  daß  für  den  Boden,  wie  für  alle
Naturkräfte,  die  Reihenfolge  in  der  Domestikation,  wenn  ich  so  sagen
darf,  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  ihrer  Macht  steht;  man  hat  angefangen, ­
  die  tierische  Kraft  vor  der  des  Windes  oder  des  Wassers
zu  benutzen,  und  diese  wieder  vor  der  des  Dampfes  oder  der  Elektrizität. ­
  Ebenso  ist  es  mit  dem  Boden.  *Was  ist  denn  ein  fruchtbarer
Boden?  Es  ist  das  ein  Boden,  der  in  seinem  Naturzustand  von  einer
wuchernden  Vegetation  überzogen  ist,  die  man  ausrotten  muß,  oder
Alluvialfelder,  die  den  Strömen  und  Seen  abgerungen  werden  müssen.
„Der  reichste  Boden  ist  der  Schrecken  der  ersten  Einwanderer“,  sagt
er 1 ).  Er  tritt  ihm  in  der  Form  von  Urwäldern  entgegen,  voll
wilder  Tiere,  die  er  bekämpfen  muß,  angefüllt  mit  Sümpfen,  die  zu
trocknen  sind,  voller  Krankheitskeime,  die  Kirchhöfe  aus  ihnen
machen.  Generationen  müssen  sich  auffarauchen,  ehe  man  diesen
reichen  Boden  benutzen  kann.  In  der  Zwischenzeit  sucht  sich  der
erste  Ansiedler  bescheiden  unfeinem  Hügelabhang  irgendeinen  leichten
Boden,  der  seinen  schwachen  Kräften  mehr  entspricht,  und  wo  er
außerdem  infolge  der  Lage  größere  Sicherheit  genießt  und  sich
leichter  verteidigen  kann.  ’
Die  Richtigkeit  dieser  Theorie  scheint  nicht  nur  durch  den  Gang
der  Bodenkultur  und  der  Kolonisation  in  den  neuen  Ländern  erwiesen
zu  sein,  sondern  auch  durch  die  Geschichte  und  die  Zivilisation  in
der  Vergangenheit.  An  den  Abhängen,  auf  den  Hügeln  fanden  sich
die  ersten  Menschen  zusammen  und  bauten  ihre  Dörfer  oder  Schlösser,
um  dann  langsam  und  vorsichtig  in  die  tiefer  liegenden  Gefilde
hinabzusteigen.  Wie  viele  Gegenden  gibt  es  noch  jetzt  in  Frankreich,
avo  man  die  „neue  Stadt“  sich  in  der  Ebene  ausbreiten  sieht,  während
nicht  weit  davon  die  alte  Stadt  ihre  Mauern  auf  dem  Berge  erhebt  I
Die  Helden,  denen  man  später  göttliche  Ehren  envies,  weil  sie  die
Lernäische  Hydra  oder  die  Vögel  des  stymphalischen  Sumpfes  getötet
hatten,  waren  wahrscheinlich  nur  die  ersten  Menschen,  die  den  Mut
gehabt  haben,  die  Alluvialböden  urbar  zu  machen.
Man  kann  dieser  Theorie  natürlich  genau  denselben  'Vorwurf
machen,  wie  der  Ricardo’s,  nämlich,  daß  sie  nur  für  ein  bestimmtes
Milieu  und  für  bestimmte  Umstände  Geltung  hat.  Die  Rententheorie

’)  Caeby,  Prineiples  of  Social  Science  (Bd.  I,  S.  127  in  der  franz.  Übers.),
            
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