Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel I. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 437 
die Nationalökonomie einzig , v eine Lehre von den ökonomischen Ent 
wicklungsgesetzen der Völker“ sein x ). 
Etwas später ging Hildebrand in der programmatischen Ein 
führung der neuen im Jahre 1863 von ihm gegründeten Zeitschrift 
„Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik“ noch 
viel weiter. Er bestreitet sogar die Existenz der wirtschaftlichen' 
Naturgesetze, so wie die Klassiker sie aufgefaßt hatten und macht 
Koscher einen Vorwurf daraus, ihre Existenz zugegeben zu haben 2 ). 
Bei dieser gewagten Behauptung scheint aber Hxldebrand nicht 
bemerkt zu haben, daß er damit die ganze Grundlage jeder Wirt 
schaftswissenschaft vernichtete und so diesen „Entwicklungsgesetzen“ 
jede rationelle Stütze entzog, denselben Gesetzen, die von nun an 
nach seiner Ansicht das Wesen der Wissenschaft bilden sollten. 
Übrigens hatten die absoluten Behauptungen Hildebrand’s ebenso 
wenig Einfluß auf die wirtschaftliche Theorie, wie der Eklektizismus 
Boschee’s. Abgesehen von einer kurzen Darlegung eines allgemeinen 
Schemas der wirtschaftlichen Geschichte der Völker, in der er drei 
verschiedene Stufen unterscheidet: die der Naturalwirtschaft, der 
Geldwirtschaft und der Kreditwirtschaft, begnügt er sich damit, 
fragmentarische Aufsätze über Sonderfragen der Statistik und der 
Geschichte zu veröffentlichen. Und in der Kegel nimmt er die 
klassischen Theorien über die Gütererzengung und -Verteilung als 
feststehende Wahrheiten an. 
Hildebrand hatte 1848 versprochen, seinem rein kritischen Werke 
eine Fortsetzung folgen zu lassen, in der die Hauptpunkte der neuen 
*) ln der Einleitung, S. V, erklärt er, daß der Zweck seines Werkes darin be 
stehe; „auf dem Gebiete der Nationalökonomie einer gründlichen historischen Richtung 
und Methode Bahn zu brechen und diese Wissenschaft zu einer Lehre 
von den ökonomischen Entwicklungsgesetzen der Völker umzu 
gestalten“. 
2 ) Roscher hatte sogar gesagt, daß sie einen mathematischen Charakter zeigten. 
(System d. V o 1 k s w. Bd. I, § 77.) Dagegen drückt sich Hildbbrand in einer 
charakteristischen Stelle in seinem Aufsatz über die gegenwärtige Aufgabe 
der Wissenschaft der Nationalökonomie (Jahrbücher für National 
ökonomie und Statistik, 1863, Bd. I, S. 145) wie folgt aus: „Die National 
ökonomie hat es deshalb nicht wie die Physiologie des tierischen Organismus oder 
andere Zweige der Naturwissenschaft mit Naturgesetzen zu tun, sie hat nicht in der 
Mannigfaltigkeit der ökonomischen Erscheinungen nach unwandelbaren, überall gleich- 
bleibenden Gesetzen zu forschen, sondern sie hat in dem Wechsel der national 
ökonomischen Erfahrungen den Fortschritt, in dem wirtschaftlichen Leben der 
Menschheit die Vervollkommnung der menschlichen Gattung naohzuweisen. Ihre 
Aufgabe ist es, den nationalökonomischen Entwicklungsgang sowohl der einzelnen 
Völker, als auch der gesamten Menschheit von Stufe zu Stufe zu erforschen und auf 
diesem Wege die Fundamente und den Bau der gegenwärtigen wirtschaftlichen 
Kultur, sowie die Aufgaben zu erkennen, deren Lösung der Arbeit der lebenden 
Generation Vorbehalten ist.“
	        
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