Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  439

1.  Sie  lassen  den  unglücklichen  Streit,  den  Hildbbeand  und
Knies  über  die  wirtschaftlichen  Gesetze  begonnen  hatten,  völlig
beiseite.  Sie  hüten  sich  zunächst,  natürliche  Gesetze  und  EegelniaBigkeiten
  des  sozialen  Lebens  zu  leugnen,  deren  Untersuchung
gerade  den  Zweck  der  Wissenschaft  darstellt.  Sie  sind  im  Gegenteil
Deterministen.  „Wir  wissen  heute,“  sagt  Schmollee 1 ),  „daß  die
psychische  Kausalität  eine  andere  ist,  als  die  mechanische,  aber  wir  betrachten ­
  sie  als  eine  gleich  notwendige.“  Sie  bestreiten  nur,  daß
diese  Gesetze  durch  die  klassische  Methode  entdeckt  werden  können.
In  dieser  Hinsicht  haben  sie  die  Kritiken  aller  ihrer  Vorgänger
wieder  aufgenommen,  —  Kritiken,  von  denen  wir  weiter  unten
sprechen  werden.
Was  die  „Entwicklungsgesetze“  anbelangt,  zu  denen  Hildbbeand
die  wissenschaftlichen  Untersuchungen  führen  wollte,  so  betrachten
sie  sie  mit  großem  Skeptizismus.  Schmollee  sagt:  „Wir  sprechen,
während  wir  gestehen,  historische  Gesetze  nicht  zu  kennen,  von  wirtschaftlichen ­
  und  statistischen  Gesetzen 2  3 )“.  An  einer  anderen  Stelle
■erklärt  er  etwas  melancholisch:  „Schon  die  Frage,  ob  das  ökonomische ­
  Leben  der  Menschheit  eine  Einheit  bilde,  einen  einheitlichen
Entwicklungsprozeß  darstelle,  einen  Fortschritt  zeige,  können  wir
nicht  mit  empirischen  Beweisen  bejahen“  8 ).  Diese  Stelle  ist  durchaus
charakteristisch,  und  erscheint  wie  die  Zusammenfassung  der  großen
synthetischen  Abhandlung,  die  Schmollee  1908  veröffentlichte 4  *  *  * ).  Mit
‘)  Schmollbk,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre
{Leipzig  1908),  Bd.  I,  S.  107.
2 )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  109.
3 )  Ebenda,  Bd.  II,  S.  653.
4 )  Einige  Anhänger  der  historischen  Schule  sind  aber  nicht  so  vorsichtig.  So
schreibt  Ashley  (Histoire  et  doctrines  economiques  de  l’Angleterre,
Vorwort,  S.  3  d.  franz.  Übers.,  1900)  folgendes:  „Ebenso,  wie  die  Geschichte  der  Gesellschaft, ­
  trotz  scheinbarer  Rückschritte,  eine  regelmäßige  Entwicklung  enthüllt,
so  hat  es  auch  eine  regelmäßige  Entwicklung  in  der  Geschichte  des  menschlichen
•Geisteslebens  gegeben,  und  folglich  auch  in  dem,  was  die  Menschen  über  die
wirtschaftliche  Seite  des  Lebens  gedacht  haben.“  Ebenso  Ingeam  (Histoire  de
l’Eoonomie  politique,  S.  293  d.  franz.  Übers.,  1893):  „Wie  wir  mehr  als  einmal
dargelegt  haben,  ist  der  Gedanke  der  Entwicklung  oder,  mit  anderen  Worten,
der  einer  geordneten  Veränderung  ein  wesentlicher  Teil  der  Idee  des  Lebens.
Daß  eine  derartige  Entwicklung  in  der  Verfassung  oder  in  dem  geordneten  Betrieb
der  Gesellschaft  in  allen  ihren  Bestandteilen  stattfindet,  ist  eine  Tatsache,  die  man
nicht  in  Zweifel  ziehen  kann  ...  Es  ist  ebenfalls  selbstverständlich,  daß  zwischen
■den  verschiedenen  sozialen  Bestandteilen  Beziehungen  solcher  Art  bestehen,  daß  eine
Veränderung  in  dem  einen  dieser  Bestandteile  Veränderungen  in  einem  anderen
'bedingt  oder  herbeiführt.  Man  sieht  daher  nicht  leicht  ein,  weshalb  man  so  beständigen ­
  Beziehungen  der  Koexistenz  und  der  Aufeinanderfolge  die  Benennung
„natürliche  Gesetze“  versagen  will.  Da  diese  Gesetze  allgemein  gültig  sind,  gestatten ­
  sie  die  Bildung  einer  abstrakten  Theorie  der  wirtschaftlichen  Entwicklung.“
            
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