Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel II. Der Staatssozialismus. 
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Die Erfolge der Politik Bismaeck’s nähern ihn am Ende seines Lebens 
mehr und mehr der konservativen Monarchie'). So träumt er auch 
von einer sozialistischen Partei, die sich einzig und allein auf den 
sozialen Boden stellt und auf jede politische Handlung verzichtet. 
Obgleich er persönlich ein Anhänger des allgemeinen Wahlrechts war, 
schlägt er es 1863 Lassalle ab, in dessen „Arbeiterverein“ einzu 
treten, weil Lassallb diese politische Reform zu einem der Punkte 
seines Programms gemacht hatte 1 2 ). Später definiert er die Partei 
der Zukunft wie folgt: „monarchisch, national, sozial“, oder auch 
„sozial und konservativ“ 3 ). Zur gleichen Zeit hat er aber auch kein 
Bedenken zu schreiben; „Soweit der Kern der Sozialdemokratie ein 
rein wirtschaftlicher ist, gehöre ich ihr mit ganzer Seele an 4 * ).“ 
Wenn er auch imstande war, die monarchische Politik mit dem 
sozialistischen Programm zu vereinigen, so weigerte er sich doch, so 
weit die wirtschaftliche Lehre in Betracht kommt, irgendein Kom 
promiß einzugehen. Dazu war er doch zu scharfsinnig. Der gleichen 
Ursache liegt auch seine Feindschaft gegen die Kathedersozialisten 
zugrunde. Er ist der erste, anzuerkennen, daß in der Praxis der 
Sozialismus sich heute mit Übergangsmitteln begnügen muß, aber 
er gibt niemals zu, daß der Kompromiß zum Schluß selbst Doktrin 
werde. Er nennt die Kathedersozialisten „Zuckerwassersozialisten“ 6 ). 
Er lehnt es ab, an dem Kongreß von Eisenach 1872 teilzunehmen, 
den er „den Eisenacher Sumpf“ und „äußerst komisch“ nennt. Die 
Arbeitergesetzgebung nennt er „human-soziale Kapriolen“ 6 ). Wenn 
er sein Programm in einigen tönenden Formeln zusammenfaßt, wie: 
„Staat gegen Staatslosigkeit“ 7 ) muß man sich daher hüten, hierin 
1 ) Bin charakteristisches Zeichen dieser Entwicklung ist die Ersetzung des 
Wortes „Volkswille“ in der zweiten Ausgabe der sozialen Briefe durch das Wort 
„Staatswille“ überall dort, wo sich dieses Wort fand. Diese zweite Ausgabe, die den 
zweiten und dritten Brief umfaßt, wurde von ihm im Jahre 1876 unter dem Titel: 
Zur Beleuchtung der sozialen Erage herausgegeben. 
2 ) Brief an R. Meyer vom 30. Nov. 1871, Nr. 61, S. 141. Dieser Gesichtspunkt 
wird von ihm ausführlich in seinem: Offener Brief an das Komitee des 
deutschen Arbeitervereins, Leipzig, vom 10. April 1863, dargelegt (v. Moritz 
Wirth in den Kleinen Schriften veröffentlicht). 
3 ) Brief an R. Meyer, vom 12. März, 1872. — Vgl. auch die Briefe vom 
23. Januar und 3. Eebruar 1871. 
4 ) Brief an denselben vom 30. Nov. 1871, Brief Nr. 61, S. 141. 1874 denkt er 
daran, sich als sozialistischen Reichstagskandidaten aufstellen zu lassen: „Aber“, 
schreibt er, „erst muß der Staat im Militäretat und in dem Kirchengesetz stärker 
werden“ (an denselben, vom 14. Januar 1874. Brief Nr. 140, 8. 352). 
6 ) Brief an dens. v. 17. Okt. 1872. 
6 ) Brief an dens. v. 6. Januar 1873, Brief Nr. 117, S. 290. 
’) Brief an dens. v. 10. März 1872, und PhysiokratieundAnthropokratie, 
in den Briefen und Sozialpolitischen Aufsätzen S. 521 und 522.
	        
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