480
Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
während zur gleichen Zeit andere in allen Annehmlichkeiten des
Luxus schwelgen.
Nichts ist wahrer. Eodbeetus hat tausendfach recht, auf das
Grundübel eines Systems hinzuweisen, das logisch die Arbeitslosig
keit, diese moderne Form der Hungersnot, als eine einfache, vorüber
gehende Überproduktion von Waren ansieht, und bisher nur dazu
gelangt ist, das Prinzip der durch die wirksame Nachfrage be
schränkten Produktion durch private oder öffentliche Wohltätigkeit
zu mildern. Betrachten wir nun das Heilmittel, das er vorschlägt.
Ihm zufolge müßte die Gesellschaft an Stelle der Produktion für die
Nachfrage ständig und gänzlich die Produktion für das „soziale Be
dürfnis“ setzen. Hierfür würde es genügen, sich im voraus zu ver
gewissern, welche Zeit ein jeder fähig ist, produktiver Arbeit zu
widmen x ). Gleichzeitig würde man einen Überblick haben über die
Gegenstände, die erzeugt werden müssen, und in welchen Mengen sie
benötigt werden. Denn, so sagt Eodbeetus r „die Bedürfnisse bilden
im allgemeinen bei jedermann . . . eine gleiche Eeihenfolge, und es
ist auch als bekannt vorauszusetzen, welche und wie viele Befriedi
gungsmittel für die einzelnen Bedürfnisse erforderlich sind“ * 2 ). Da
man so die Arbeitszeit kennt, über die die Gesellschaft verfügen
kann, und da auf der anderen Seite die Eeihe der sozialen Bedürf
nisse gegeben ist, würde das Problem, diese Zeit zwischen den ver
schiedenen Produktionen zu verteilen, keine Schwierigkeit mehr
bieten.
Diese Behauptung ist etwas überstürzt; sie drückt sich um den
gewichtigsten Einwurf herum, denn die angeblich gleichmäßige Be
dürfnisreihe, von der uns Eodbeetus spricht, besteht nur in seiner
Einbildung. In Wirklichkeit gibt es eine kleine Anzahl von Kollektiv-
bedürfnissen und eine unendliche Mannigfaltigkeit von Einzelbedürf
nissen. Das „soziale Bedürfnis“ ist nur ein unbestimmter Ausdruck,
um zur gleichen Zeit beides zu bezeichnen. Die einfachste Beob
achtung zeigt uns bei jedem Individuum eine besondere Eeihe von
Bedürfnissen und Neigungen. Wenn man die Produktion auf ein
angebliches „soziales Bedürfnis“ gründet, so bedeutet dies tatsächlich
die Abschaffung der Freiheit des Verbrauchs und der Nachfrage.
Es läuft auf dasselbe hinaus, als ob die Gesellschaft allen Menschen
eine willkürliche Skala von zu befriedigenden Bedürfnissen vor
schreiben und aufzwingen würde. Das Heilmittel Eodbeetus’ würde
daher schlimmer als das Übel sein.
x ) „Wenn nur die Zeitarbeit bekannt ist, die jeder, der sich mit produktiver
Arbeit beschäftigt, zu leisten übernimmt, so läßt sich auch erkennen, wieweit die
Mittel in der Deckung der Bedürfnisreihe eines jeden reichen“ (Kapital, S. 125).
2 ) Ebenda, S. 12).