Kapitel III. Der Marxismus.
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Kapitel III.
Der Marxismus.
I.
Karl Marx.
Wie Jedermann weiß, ist die marxistische Lehre die neueste
Form des Sozialismus. Seit ungefähr vierzig Jahren hat sie alle
anderen, die von ihr verächtlich als utopistisch bezeichnet werden,
in den Schatten gestellt. Es verdient jedoch besonders hervorge
hoben zu werden, daß diese sozialistische Lehre, im Unterschied von
denen, die ihr vorausgegangen sind, — z. B. dem Kommunismus und
dem Fourierismus, — sich keineswegs als ketzerisch darstellt. Sie
erhebt im Gegenteil den Anspruch, durch ein genaueres Verständnis
die großen klassischen Doktrinen zu verjüngen und weiterzuführen.
Wenn uns auch selbstverständlich der Gedanke fern liegt, in einem
Kapitel eine Lehre zusammenzudrängen, die sich mit allen grundlegenden
Prinzipien der ökonomischen Wissenschaft beschäftigt und vorgibt,
sie zu erneuern, so werden wir doch versuchen, die zwei wichtigsten
wirtschaftlichen Gedanken Marx’ darzustellen v ): der eine ist
') Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Er war nicht
Jude, wie man oft gesagt hat, sondern der Sohn jüdischer, zum Protestantismus
übergetretener Eltern. Er stammte aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie und
heiratete die Tochter eines deutschen Barons, so daß nichts ihn zu einem streitbaren
Sozialisten vorauszubestimmen schien. Und doch sollte er diesen Weg gehen.
25 Jahre alt begab er sich 1843, nach der Unterdrückung einer Zeitung, die er
redigierte, zuerst nach Paris und dann nach Brüssel. Während der Revolution von
1848, an der er tätigen Anteil nahm, nach Deutschland zurückgekehrt, wurde er
ausgewiesen und verbrachte den Best seines Lebens, etwa 30 Jahre, in London, Er
starb am 14. März 1883. Vk
Obgleich Marx einer der Gründer und Leiter der berühmten „Internationalen
Arbeiterassoziation“, kurz „Internationale“ genannt, war, die von 1863 bis 1872 das
Sohreckbild aller europäischen Regierungen vorstellte, darf man in ihm keinen
Verschwörer, nach dem Beispiel Bakunin’s, oder einen Volkstribunen, wie Lassallb,
sehen. Er war ein Mann der Studierstube, ein guter Familienvater wie Peoüdhon,
ein unermüdlicher Arbeiter und von ganz hervorragender geistiger Bildung.
Das berühmteste seiner Werke, das allerdings oft angeführt wird, ohne gelesen
worden zu sein, ist das Kapital, dessen erster Band, der einzige, der zu seinen
Lebzeiten erschien, 1867 herauskam (franz. Übers, von Roy, 1876, vom Verfasser
durchgesehen. Wir zitieren nach dieser Übersetzung). (Bei der Übertragung ins
Deutsche ist die erste, 1867 bei Otto Meisnbb in Hamburg erschienene Ausgabe,
sowie auch die IV. Auflage benutzt worden, Anm. d. Übers.). Die beiden anderen
GM de und Eist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. ■ 33