Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Von  diesem  Standpunkt  aus  erscheint  es  nun  selbstverständlich,
daß  es  dem  Kapitalisten  hauptsächlich  darauf  ankommen  müßte,  nur
variables  Kapital  zu  verwenden  oder  wenigstens,  wenn  er  die  Hilfe
des  konstanten  Kapitals  nicht  entbehren  kann,  dieses  auf  das  unentbehrlichste ­
  Minimum  zu  beschränken*)!  —  Hier  stoßen  wir  nun
auf  eine  Anomalie,  die  die  marxistischen  Exegeten  zur  Verzweiflung
gebracht  hat,  und  die  sogar  Marx  selbst  recht  verwirrte,  wenn  man
nach  der  gewundenen  Erklärung  urteilen  darf,  durch  die  er  sie  zu
beseitigen  versucht 2 ).
Wenn  das  konstante  Kapital  wirklich  von  Natur  steril  ist,  woher
kommt  es  dann,  daß  die  Großindustrie  es  in  immer  größerem  Maßstabe ­
  verwendet,  in  Fabrikanlagen,  Maschinen,  Hochöfen,  Eisenbahnen ­
  usw.,  und  daß  man  sie  gerade  an  diesem  charakterischen
Zuge  erkennt?  Nach  der  eben  aufgestellten  Rechnung  müßte  sie
doch  viel  weniger  Profit  realisieren  als  die  kleine  Handindustrie  oder
die  Landwirtschaft!  Aus  den  MAEx’schen  Vordersätzen  ergibt  sich
als  logischer  Schluß,  daß  der  Gewinnsatz  von  Unternehmung  zu
Unternehmung  verschieden  sein  muß  je  nach  der  „Zusammensetzung“
des  Kapitals  aus  variablen  und  konstanten  Bestandteilen:  aber  dieser
*)  Nehmen  wir  zwei  Unternehmungen  A  und  B,  die  jede  ein  Kapital  von  1000
im  Betrieb  stecken  haben.  In  dem  Unternehmen  A  besteht  dieses  Kapital  zu  900
aus  variablen  Kapital  und  zu  100  aus  konstanten  Kapital,  während  im  Unternehmen  ß
umgekehrt  100  auf  das  variable  und  900  auf  das  konstante  Kapital  entfällt.
Wenn  wir  annehmen,  daß  die  Höhe  des  Mehrwerts,  wie  in  unserem  Beispiel,
das  soeben  angeführt  wurde,  100%  sei,  dann  muß  man  sagen,  daß  in  dem  Unternehmen ­
  A  der  Mehrwert  900  beträgt  (oder  für  ein  Kapital  von  1000  ein  Satz  von
90°/ 0 ),  während  in  dem  Unternehmen  B  der  Mehrwert  nur  100  ausmacht  (oder  für  das
gleiche  Kapital  von  1000  nur  ein  Satz  von  10%).
2 )  Diese  Erklärung  findet  sich  besonders  in  den  nach  seinem  Tode  veröffentlichten
Bänden  des  Kapital.
Allerdings  hatte  Marx  diesen  Widerspruch  in  seinem  ersten  Bande  bemerkt
und  für  die  Erklärung  auf  die  folgenden  Bände  verwiesen.  Er  schreibt  (Kapital,
S.  285—286,  I.  Aull.),  nachdem  er  behauptet  hat,  daß  die  Mengen  der  Mehrwerte  in
direktem  Verhältnis  zu  der  Proportion  an  variablen  Kapitalien,  die  in  den  Betrieben
stecken,  stehen:  „Dies  Ges  et  zwider  spricht  offenbar  jeder  auf  den  Augenschein ­
  gegründeten  Erfahrung.  Jedermann  weiß,  daß  ein  Baumwollspinner,
der  die  Prozentteile  des  angewandten  Gesamtkapitals  berechnet,  relativ  viel  konstantes ­
  und  wenig  variables  Kapital  anwendet,  deswegen  keinen  kleineren  Gewinn
oder  Mehrwert  erbeutet  als  ein  Bäcker,  der  relativ  viel  variables  und  wenig  konstantes ­
  Kapital  in  Bewegung  setzt.  Zur  Lösung  dieses  scheinbaren  Widerspruchs
bedarf  es  noch  vieler  Mittelglieder,  wie  es  vom  Standpunkt  der  elementaren  Algebra
vieler  Mittelglieder  bedarf,  um  zu  verstehen,  daß  §  eine  wirkliche  Größe  darstellen ­
  kann.  Obgleich  sie  das  Gesetz  nie  formuliert  hat,  hängt  die  klassische
Ökonomie  instinktiv  daran  fest,  weil  es  eine  notwendige  Konsequenz  des  Wertgesetzes ­
  überhaupt  ist“.
Wahrscheinlich  ist  Mabx  nicht  sehr  mit  seiner  Erklärung  zufrieden  gewesen,
da  er  die  Bände,  in  denen  er  sie  za  formulieren  sucht,  nicht  selbst  herausgegeben  hat.
            
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