Kapitel III. Der Marxismus.
539
und Weise eintreten, die sogar von den Marxisten als die wahr
scheinlichste betrachtet wird und zwar unter der Form einer wirt
schaftlichen Krisis, in der der Kapitalismus untergehen wird, einer
Krisis, die geradezu die notwendige Folgeerscheinung der kapita
listischen Ordnung ist, so daß er in einer Art Selbstmord, in „Selbst
zerstörung“ endet. Wie wir gesehen haben (S. 528), spielen die
Krisen eine recht große Eolle in der marxistischen Lehre.
Wenn aber der Marxismus nicht notwendigerweise die An
wendung von Gewalt bedingt, so schließt er sie doch auch nicht aus.
Er betrachtet sie sogar als ziemlich wahrscheinlich, weil der Ent-
wickluugsvorgang kaum genügen wird, die neuen sozialen Formen
aus den alten ohne Störung zur Entfaltung zu bringen, den Schmetter
ling aus der Puppe zu lösen. „Die Gewalt ist die Hebamme jeder
gebärenden Gesellschaft').“
Hier ist keine falsche Gefühlsseligkeit am Platze. Elend und
Leiden sind unentbehrliche Triebfedern der Entwicklung. Wenn
man die Sklaverei, die Hörigkeit, die Expropriation der Handwerker
durch die Kapitalisten usw. hätte verhindern können, so würde man
diese Triebfedern der Entwicklung verbogen haben und es wäre
mehr Übel, als Gutes daraus entstanden 2 j. Jeder Zustand bringt
gewisse unglückselige, aber für das Kommen der höheren
Formen unentbehrliche Bedingungen mit sich. Aus diesem
Grunde würden die Eeformbestrebungen der bürgerlichen Philanthropen
und ihre Predigten vom sozialen Frieden verderblich sein, wenn sie
Erfolg hätten. „Ohne Antagonismus kein Fortschritt“. Man darf
nicht übersehen, daß diese hochmütige Gleichgültigkeit für die mit
Übergangsperioden verbundenen Leiden selbst ein Erbteil der klassi
schen Schule und eine weitere Ähnlichkeit mit ihr ist. Gerade so
drückte auch sie sich aus, wenn sie auf die Konkurrenz, den Maschi
nismus, und die Vernichtung der Kleinindustrie durch die Groß
industrie zu sprechen kam. Der Marxismus läßt als Eeformen nur die
gelten, die den Zweck haben, nicht „die Gesellschaft zu reformieren“,
sondern der Eevolution Vorschub zu leisten und sie zu beschleunigen,
die „die Geburtswehen abkürzen und mildern können“ 8 ).
') Marx, Misere de la Philosophie. Was bedeutet übrigens das Wort
fievolte? Einfach die Tatsache des Ungehorsams gegen die Gesetze. Was für Ge
setze regieren uns nun aber? Produkte des bürgerlichen Milieus, genau wie die
Einrichtungen, deren Schutz sie bezwecken. Die Keyolution wird einfach darin be
stehen, diese Gesetze durch andere Gesetze zu ersetzen; hierfür ist es aber unerläßlich,
daß sie ihren Stützpunkt außerhalb derselben nimmt.
a ) „Die schlechte Seite ist’s, welche die Bewegungen ins Leben ruft, welche die
Geschichte macht, dadurch daß sie den Kampf zeitigt“ (Elend der Philo
sophie, S. 116).
3 ) Vorwort zum Kapital, S. XI.