Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Bach.  Die  Begründer.

landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  und  besonders  mit  dem  Getreide
befaßten;  und  da  damals  der  Handel  fremder  Völker,  soweit  die  Einfuhr ­
  in  Betracht  kam,  kaum  zu  fürchten  war,  dachten  sie  bei  dem
Freihandel  nur  an  die  freie  Ausfuhr.  Nach  Oncken  war  die  yon
Qübsnay  gewünschte  Handelspolitik  diejenige,  die  England  damals
befolgte;  Begünstigung  der  Getreideausfuhr,  um  den  Kurs  zu  stützen,
und  um  bei  Gelegenheit  einer  reichen  Ernte  den  richtigen  Preis  zu
halten,  —  sowie  die  Erlaubnis  der  Einfuhr  nur  im  Falle  einer
Hungersnot,  um  zu  große  Teuerung  zu  verhüten  1 ).
Mit  einem  Wort:'die  Handelsfreiheit  bestand  für  die  Physiokraten
hauptsächlich  in  der  Abschaffung  der  unter  der  alten  Eegierungsform
bis  in  den  Himmel  gehobenen  Maßnahmen,  die  darauf  abzielten,  die
Getreideausfuhr  ins  Ausland  zu  verhindern  und  den  freien  Güteraustausch ­
  im  Inland  einzuschränken 2 ).  Diese  physiokratische  Auffassung ­
  hat  aber  nicht  lange  gebraucht,  um  die  Umstände,  denen  sie
ihr  Entstehen  verdankte,  zu  überflügeln,  und  zur  These  von  der  absoluten ­
  freien  Konkurrenz  zu  werden,  die  Waleas  später  wie  folgt
zusammenfaßte:  „die  freie  Konkurrenz  im  Tausch  verkehr  sichert  jedem
Teile  das  Maximum  des  Grenznutzens  oder,  was  dasselbe  ist,  die
Maximalbefriedigung  der  Bedürfnisse.“'  Fast  alle  Gründe,  die  während
eines  Jahrhunderts  im  Kampfe  um  den  Freihandel  ins  Treffen  geführt
wurden,  sind  schon  von  den  Physiokraten  formuliert  worden!  Die
hauptsächlichsten  sind:
1.«  Die  Widerlegung  des  Beweises  von  der  Handelsbilanz  wird
schon  von  Mekcier  de  la  ßi  viere  mit  vollkommener  Genauigkeit
geführt:  „Also  du  blinde  und  stumpfsinnige  Politik,  ich  werde  alle

*)  Ebenda,  S.  376.  —  Es  ist  der  Mühe  wert,  darauf  hinzuweisen,  daß  die
amerikanische  Konkurrenz  ausdrücklich  von  Quesnay  vorausgesehen  wurde,  was
sicherlich  eins  der  bemerkenswertesten  Beispiele  wissenschaftlicher  Vorhersage  ist,
das  angeführt  werden  kann.  „Man  könnte“*  sagt  er  in  seinem  Aufsatz  über  die
Körnerfrüchte  in  der  Enzyklopädie,  „die  Ernchtbarkeit  der  amerikanischen  Kolonien
fürchten,  und  das  Anwachsen  der  Landwirtschaft  in  der  Neuen  Welt“,  aber  er  geht,
wenigstens  provisorisch,  über  diese  Befürchtung  mit  dem  Hinweis  hinweg,  daß  „das
amerikanische  Getreide  weniger  gut,  als  das  französische  sei  und  auf  der  Heise  verderbe“. ­

Wir  verweisen  auch  noch  auf  das,  was  wir  schon  im  vorhergehenden  über  die
Physiokraten  als  Schutzzöllner  unter  heutigen  Verhältnissen  gesagt  haben.
2 )  Man  muß  glauben,  daß  das  damalige  Schutzzollsystem  eine  Entwicklung  der
Industrie  auf  Kosten  der  Landwirtschaft  begünstigte,  indem  es  die  Ausfuhr  von
gewerblichen  Produkten  und  Hohstoffen  einsehränkte,  um  den  Fabrikanten  billige
und  ausreichende  Arbeitskräfte  und  Rohstoffe  zu  sichern.  Man  kümmerte  sich  durchaus ­
  nicht  um  die  Getreideeinfuhr:  im  Gegenteil,  der  Merkantilismus  und  der  /
Colbertismus  gaben  den  Landwirt  doppelt  preis,  indem  man  die  Getreideausfuhr  erschwerte ­
  und  die  Getreideeinfuhr  gestattete,  während  man  gerade  das  Gegenteil  für
die  gewerblichen  Erzeugnisse  tat.
            
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