Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 565 
Vorläufer Anspruch erheben. Bekanntlich war Bxjchez der Gründer 
der Produktivgenossenschaften (1832), aber weniger bekannt ist, daß 
Lamennais die Kreditgenossenschaften in ungefähr derselben Form 
empfohlen hat, die Raippeisen in Deutschland verwirklichen sollte *). 
Der jetzige soziale Katholizismus spricht ungern von diesen 
seinen drei Vorgängern. Sie wollten alle drei die Kirche der Revo 
lution vermählen 2 ). Heute begnügen sich die vorgeschrittensten 
Katholisch-Sozialen mit dem Versuch, sie der Demokratie zu ver 
mählen; ein Programm, das Marc Sangnieb, der Gründer des Sillon 
vor kurzem wieder aufgenommen hat. 
Wenig später predigte der Bischof von Mainz, von Ketteler, 
eine Lehre, die mit den „falschen Dogmen von 1789“ wie sie bald 
genannt werden sollten, nicht das geringste mehr zu tun hat, sondern 
die im Gegenteil auf die mittelalterlichen Einrichtungen zurückgreift: 
er, und besonders seine Jünger, der Domherr Moupang und der Abbe 
Hitze, schlagen den Berufsverband (l’association professionelle), die 
Zunft, als den richtigen Angelpunkt der sozial-katholischen Organi 
sation vor 3 ). 
*) Er hat in der Tat das so fruchtbare Prinzip der Solidarität zwischen Schuldnern 
als eine Möglichkeit für den Armen, die wirkliche Sicherheitshinterlegung zu ersetzen, 
entdeckt. „Warum kann der Arbeiter sich nichts borgen? Weil er keine andere 
Sicherheit als seine zukünftige Arbeit anzubieten hat . . . Damit aber diese zu 
künftige Arbeit ein wirkliches Pfand werde, muß sie zu einer Sicherheit werden, und 
sie wird es durch die Assoziation. Die Solidarität der Mitglieder bringt die Ursachen 
ler Unsicherheit zum Verschwinden, die, indem sie den Wert des Pfandes vermindern, 
das Darlehen abschreckt“ (La question du travail, S. 26). 
„Das zu lösende Problem besteht darin, zu einem solchen Zustande zu kommen, 
daß die Arbeitenden in Zukunft für sich selbst arbeiten und nicht für andere . . . 
Der Tag wird kommen, an dem keiner von dem Felde ernten wird, wo er nicht 
gesät hat, an dem ein jeder die Frucht seiner Arbeit pflücken wird“ Ebenda). 
2 ) „Der menschliche Zweck des Christentums ist genau derselbe wie der der 
Revolution: jenes hat diese inspiriert.“ (Buchez, Traite de la Politique, 
Bd. II, S. 501). 
s ) Seine wichtigsten Schriften wurden gesammelt und 1864 unter dem Titel; 
Die Arbeiterfrage und das Christentum veröffentlicht. 
Er schwankte jedoch noch zwischen der korporativen Assoziation und der koopera 
tiven Produktivgenossenschaft, welch letztere damals nicht nur in Frankreich, sondern 
auch in dem Programm der englischen Christlich-Sozialen und sogar in dem des 
deutschen Sozialisten Lassalue sehr gepriesen wurde. Aber die kooperative Ge 
nossenschaft sollte bald vollständig von der Berufsgenossenschaft verdrängt werden. 
Hitze hatte nicht die Bedenken seines Meisters. Br sagte kategorisch; „Für 
uns liegt die Lösung der sozialen Frage im wesentlichen und- ausschließlich in der 
Reorganisierung der Zünfte und Berufe. Wir wollen mehr oder weniger die Wieder 
herstellung der Gilden, so wie sie im Mittelalter bestanden, ein Regime, das für jene 
^eit, besser als es irgendein anderes vorher oder nachher getan hat, eine voll 
ständige Lösung der sozialen Frage bietet. Wir sagen für jene Zeit ... es kann 
sich daher heute nicht um eine reine und einfache Wiederherstellung der Vergangen-
	        
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