Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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bei allen anderen Plänen sozialer Erneuerung — sich eine nach diesem
Muster errichtete Gesellschaft vorzustellen.
Zunächst erscheint es, als oh es nur eine der katholischen Religion
angehörende Gesellschaft sein könne 1 ). Sobald nämlich im Rahmen
dieser Berufsgenossenschafts-Organisation Feinde der Religion oder
auch nur religiös Gleichgültige die Oberhand erhielten, würde alles
zusammenbrechen. Das allein schon macht die Verwirklichung äußerst
fragwürdig. Lassen wir dies aber beiseite.
Diese Gesellschaft w r ürde im vollen Sinne des Wortes auf der
Brüderlichkeit beruhen — und sogar, wie wir soeben gesagt
haben, auf der einzigen Brüderlichkeit, die einen wirklichen Grund
für sich anftihren kann: den der gemeinsamen Vaterschaft Gottes, —
aber nicht auf der Gleichheit im sozialistischen Sinne des Wortes,
denn in einer Familie verhindert die Tatsache, Kinder des gleichen
Vaters zu sein, nicht die Ungleichheiten und bedingt sogar, wenn
nicht das Recht, so doch die Pflicht des Ältesten. Ebenso soll in der
Berufsgenossenschaft die Gleichheit in dem Sinne herrschen, daß die
Würde der niedrigsten Arbeit ebenso hochstehend, wie die der vor
nehmsten Arbeit sein wird, und daß ein jeder mit dem Platze, an
den es Gott gefallen hat, ihn zu stellen, zufrieden und sogar stolz
darauf sein kann 2 ).
Aber diese Gesellschaft wird hierarchisch sein. Auf der Seite
der Arbeitgeber steht die Autorität mit all ihrer Verantwortung und
all ihren Pflichten; auf der Seite der Arbeitnehmer: geachtete Rechte,
die durch den Minimallohn gesicherte Existenz, und die wiederher
gestellte Familie 3 ).
*) Der Pater Antoine sagt in seinem Cours d’Bconomie Sociale, (S. 164):
„Die soziale Frage kann vollständig nur durch die Wiederherstellung christlicher
Sitten gelöst werden.“ Noch viel kategorischer ist die Erklärung LkoN Harmel’s
E der Association Catholique vom Dezember 1889: „Wir sehen nur ein
einziges Heilmittel: daß die Autorität des Papstes in der ganzen Welt anerkannt
sei und seine Leitung von allen Völkern angenommen werde.“
Doch ist in den Semaines Sociales, jährlichen Studien Vereinigungen, die
heute die bedeutendste Kundgebung des sozialen Christentums sind, und in denen
alle aktuellen wirtschaftlichen Fragen diskutiert werden, das Programm nicht mehr
rein katholisch und läßt alle die zu, die sich zum Christentum bekennen.
2 ) „Die unter der Vormundschaft der Eeligion gebildeten Korporationen werden
bewirken, alle ihre Mitglieder mit ihrem Schicksal zufrieden zu machen, geduldig
in ihrer Arbeit und geneigt, ein ruhiges und stilles Leben zu führen (sua Sorte
eontentos, operumque patientes et ad quietam ac tranquillam vitam agendam indu-
cant)“ (Encyklika „Quod Apostolici“, Leo’s XIII. vom 28. Dezember 1878).
Vgl.; L’Histoire des Corporations von Martin Saint-LSon.
3 ) „Die Korporation ist ihrem Wesen nach ein Abbild der Kirche. Für die
Kirche sind alle Gläubigen vor Gott gleich, aber damit hört die Gleichheit auf. Für
alles andere sind sie hierarchisiert“ (Skaun-LAMOiGNON, Association Catholique
v °m 13. Juli 1894).