Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Der  soziale  Katholizismus  erklärt  sich  gegen  den  ersten  Artikel  des
sozialistischen  Programms,  in  dem  gesagt  wird:  „daß  die  Emanzipation
der  Arbeiter  nur  das  Werk  der  Arbeiter  selbst  sein  kann.“  Sie  wird
mit  der  Hilfe  der  Arbeitgeber  und  aller  anderen  sozialen  Klassen  geschehen. ­
  Zu  ihnen  sind  auch  die  berufslosen  Klassen,  wie  die  Grundbesitzer, ­
  die  Rentiers,  und  sogar  die  Verbraucher  zu  rechnen 1 ).  Sie  alle
zusammen  müssen  es  lernen,  die  Verantwortlichkeit,  die  ihnen  ihre  verschiedene ­
  Stellung  auferlegt,  und  die  besonderen  Pflichten  zu  erkennen,
die  ihnen  daraus  erwachsen,  nämlich,  ebenso  wie  der  Haushalter  im  Gleichnis, ­
  „mit  den  Gaben,  die  ihm  der  Meister  anvertraut  hat,  zu  wuchern.“
Die  zum  größten  Teil  aus  Katholiken  gebildeten  christlichen
Gewerkvereine  Deutschlands  fangen  an,  zu  großer  Bedeutung  zu
gelangen  und  manchmal  sogar  den  roten  sozialistischen  Gewerkschaften
die  Wage  zu  halten.  Sie  legen  Gewicht  auf  eine  Einigung  zwischen
Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern,  protestieren  aber  trotzdem  energisch
gegen  jede  Verwechslung  mit  den  „Gelben“,  d.  h.,  sie  erklären  sich
ebenso  unabhängig  von  den  Arbeitgebern  wie  von  den  Sozialisten.
Die  Einmischung  des  Staates  wird  am  Anfang  nötig  sein,  um
die  berufsmäßige  Organisation  aufzubauen;  sobald  sie  aber  einmal
fertig  dastehen  wird,  wird  sie  nach  und  nach,  wie  wir  gesehen  haben,
die  Macht  der  gesetzgebenden  Gewalt  und  der  Verwaltungspolizei
an  sich  ziehen,  wenigstens  im  Bereich  der  Arbeitergesetzgebung,  und
besonders  in  bezug  auf  den  Hauptpunkt,  nämlich  die  Festsetzung  des
Lohnes 2 )  und  alles  was  davon  abhängt,  wie  die  Organisation  der
Altersversorgung.  Die  gesetzgebende  Macht  wird  aber  reichlichen
Stoff  zur  Betätigung  außerhalb  der  beruflichen  Interessen  finden,  wie
besonders  in  der  Regelung  der  Eigentumsrechte,  dem  Wucherverbot,
dem  Schutz  der  Landwirtschaft  usw. 3 ).

l )  La  Ligue  Sociale  d’acheteurs,  in  Paris  im  Jahre  1900  gegründet,
beruht  auf  sozial-katholischer  Grundlage.
*)  „Über  ihrem  freien  Willen  (dem  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  in
dem  Arbeitsvertrag)  steht  ein  höheres  und  älteres  Gesetz  natürlicher  Gerechtigkeit,
daß  nämlich  der  Lohn  nicht  ungenügend  sein  darf,  um  einen  ruhigen  und  ehrlichen
Arbeiter  bestehen  zu  lassen  .  .  .  Aber  in  der  Befürchtung,  daß  in  diesem  Falle
und  in  anderen  ähnlichen,  wie  z.  B.  mit  Hinsicht  auf  den  Arbeitstag  die  öffentliche
Gewalt  sich  nicht  zur  richtigen  Zeit  einmischen  möchte,  und  angesichts  besonders
der  Mannigfaltigkeit  der  zeitlichen  und  örtlichen  Umstände  würde  es  vorzuziehen
sein,  daß  im  Prinzip  die  diesbezügliche  Losung  den  Korporationen  und  Berufsverbänden ­
  Vorbehalten  wird“  (Encyklika:  „Kerum  novarum“,  auch:  „Über  die
Lage  der  Arbeiter“  genannt,  1891).
3 )  Die  Katholisch-Sozialen  sind  gewöhnlich  und  in  allen  Ländern  Schutzzöllner,
weil  sie  glauben,  daß  „ihr  korporatives  Regime  sich  nicht  ohne  wirksamen  Schutz
gegen  die  ausländische  Konkurrenz  halten  könne“,  (Programme  del’ffluvre
des  cercles  ouvriers  §  7)  —  und  auch  deshalb,  weil  sie  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Syndikaten  die  meisten  Anhänger  haben.
            
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