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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
Doch genügt es nicht, wenn inan sagt, daß die Ängebotskurve
umgekehrt symetrisch zu der der Nachfrage ist. Sie ist viel kom
plizierter, weil das Angebot selbst durch die Produktionskosten be
dingt wird. In gewissen Zweigen der Produktion, besonders in der
Landwirtschaft, steigen die Produktionskosten viel schneller als der
Absatz; in anderen, in der Regel in der Industrie, sinken die Pro
duktionskosten für die Einheit in dem Maße, wie der Absatz wächst.
Die mathematische Nationalökonomie begnügt sich nicht damit,
gegenseitige Abhängigkeiten zwischen vereinzelten Tatsachen zu
suchen: sie behauptet, sie alle in einer Gesamtanschauung zusammen
zufassen. Sie erkennt sie als in einem Gleichgewichtszustand
befindlich, — ein stabiles Gleichgewicht in dem Sinne, daß es sich
jedesmal von selbst wieder einzustellen sucht, wenn es gestört worden
ist 1 ). Die Feststellung dieser Gleichgewichtsbedingungen ist die
wirkliche Aufgabe der reinen Ökonomik.
Der bedeutendste Versuch einer Systematisierung, der in dieser
Hinsicht gemacht worden ist, ist der des Professors Wal ras, der in
seinen Formeln kühn alle Teile des Wirtschaftslebens umfaßt, —■
vergleichbar etwa dem LAi'LAorschen Weltsystem 2 )!
Stellen wir uns die gesamte Gesellschaft in einem einzigen Saale
versammelt vor, ähnlich wie die Börse in Paris; der Saal ist mit den
betäubenden Rufen aller derer erfüllt, die kaufen und verkaufen
wollen, und ihre Preise ausschreien!
In der Mitte — wie die Makler inmitten des Kreises, den man
„la corbeille“, die Schranken oder das Parkett nennt — sitzt der
Unternehmer (der Fabrikant, Händler oder der Landwirt). Er erfüllt
gleichzeitig eine doppelte Funktion:
was der Punkt a bedeutet, fälle ich zwei Senkrechte, eine auf die Achse der Ordinaten
und die andere auf die Achse der Abszissen; die erstere zeigt den Preis, die zweite
die verkaufte Menge: es sind daher VII Einheiten zu 1 (Mark, Franken usw.) ver
kauft worden.
In dem obigen Schaubild stellen die Ordinaten die Preise und die Abszissen
die Mengen vor; selbstverständlich kann man ebenso gut beides vertauschen.
*) Die mathematische Volkswirtschaft untersucht übrigens auch andere Gleich
gewichtszustände, die aber verwickelter und weniger von Bedeutung sind, nämlich
die Zustände des instablen Gleichgewichts.
2 ) Paheto spricht von ihm wie folgt: „Es war Walras, der zuerst eins dieser
Gleichungssysteme gefunden hat und zwar das, das sich mit dem Zustande der freien
Konkurrenz beschäftigt. Diese Entdeckung ist von höchster Bedeutung und man
kann das Verdienst dieses Gelehrten nicht zu hoch einschätzen. Natürlich hat sich
die Wissenschaft seitdem schon weiter entwickelt und wird fortfahren, sich auch in
der Zukunft zu entwickeln, doch verringert das in nichts die Bedeutung der Ent
deckung Walras’, ebenso wie der Fortschritt in den Berechnungsmethoden der
Himmelskörper keineswegs der Bedeutung der Principia Newton’s Abbruch tut:
im Gegenteil“ (Economie pure, Broschüre, 1902, S. 11).