Kapitel I. Die Hedonisten.
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ist ihnen bis heute hartnäckig- verschlossen geblieben. Nicht nur
ist der Doyen dieser Schule, Waleas, gezwungen gewesen, Frankreich
zu verlassen, um im Auslande ein günstigeres Feld für seine Lehr
tätigkeit zu suchen, sondern man hätte bis vor kurzem kein Buch
und keine Vorlesung finden können, wo diese Doktrinen dargelegt
oder auch nur kritisiert worden wären 1 ).
Man würde diese Antipathie leichter verstehen, wenn Frankreich,
wie Deutschland, schon von der historischen Schule erobert worden
wäre: in diesem Fall hätten allerdings diese beiden Richtungen
nicht nebeneinander bestehen können. Wir haben aber schon ge
sehen, daß dies nicht der Fall ist, denn die große Mehrzahl der
französischen Volkswirtschaft!er ist der liberalen Schule treu geblieben.
Anscheinend hätte man sich daher wohlwollender gegenüber einer
Schule zeigen sollen, die doch schließlich neo-klassisch ist und nie
etwas anderes wollte, als die Lehre der Meister besser darzustellen 2 ).
In den letzten Jahren hat Colson in seiner großen Abhandlung über
Economie politique den mathematischen Theorien des Angebots und der Nach
frage einen Platz eingeräumt; Landet hat in seinem Manuel d’Economique
die Theorien der österreichischen Schule dargelegt, und Antohblli hat im „College
libre des Sciences sociales“ Vorlesungen über das System Walras’ gehalten. Wir
haben schon das Buch Aüpetit’s über das Geld angeführt. Weiterhin müssen noch
die Übersetzungen des Manuel d’Beonomie Politique Vileredo Paeeto’s und
der Theorie de l’Economie Politique von Stanley Jbvons erwähnt werden.
2 ) Paul Leroy-Beaulibu ist besonders scharf gegen die mathematische Schule
aufgetreten; „Sie ist eine reine Chimäre, der reine Betrug. ... Sie hat weder eine
wissenschaftliche Grundlage, noch irgendwelche praktische Anwendungsmöglichkeit.
Sie bietet nur reine Gedankenspielereien ... die dem Berechnen der Folge der
Glücksnummern am Eoulette in Monaco ähnlich sind.“ — „Die angeblichen Kurven
der Nützlichkeit wie die der Nachfrage“, sagt er an anderer Stelle, „entbehren jeder
praktischen Bedeutung, weil man Bier oder Apfelwein trinken wird, wenn der Preis
für Wein steigt. Jedes Produkt hat Ersatzprodukte neben sich, die seine Bewegung
begrenzen“ (Traite d’Economie Politique, Bd. I, S. 85 und Bd. III, S. 62).
Diese letztere Kritik kommt wirklich etwas unerwartet. Wie kann man den
Hedonisten vorwerfen, von dem Gesetz der Substitution keine Kenntnis zu haben,
da sie es, wie wir eben gesehen haben, wenn auch nicht entdeckt, so doch außer
ordentlich ausgebaut haben? Es ist daher doch wahrscheinlich, daß ein etwa be
stehender Widerspruch zwischen diesem Gesetz und ihrer Lehre ihnen nicht entgangen
sein würde. Übrigens können wir diesen Widerspruch nicht finden. Auch das Bier
oder der Apfelwein haben ihre Nachfragekurve: das hindert den Wein aber nicht, seine
eigene zu haben. Daß die Möglichkeit, von der einen zur anderen gehen zu müssen,
das Problem erschwert, da in diesem Fall der mathematische Yolkswirtschaftler es
mit zwei oder drei, anstatt mit nur einer Kugel zu tun hat, die er ins Gleichgewicht
bringen muß, — das ist ganz richtig! Aber gerade für diese Art von Schwierig
keiten eignet sich die Mathematik am ehesten, ja ihre Anwendung drängt sich fast
geradezu auf. Diese Solidarität zwischen verschiedenen Werten, komplementären
u nd supplementären Gütern, ist gerade eins der Probleme, das die Hedonisten mit
Vorliebe pflegen (siehe Pantalboni, Economia pura).
In einer Abhandlung Simiand’s findet sich eine Kritik der mathematischen
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