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Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit.
b) Walras stellt sich nicht auf einen so ausschließlichen Nütz
lichkeitsstandpunkt, wie Gossen. Seine Reform beruht auf den Auf
fassungen über die Rollen des Individuums und des Staates, wie er
sie schon 1867 in seinen Vorträgen über die Theorie generale
de la Societe (allgemeine Gesellschaftstheorie) dargelegt hat. Wie
Henry George, sucht auch Waleas eine Aussöhnung zwischen dem
Sozialismus und dem Individualismus J ) zu verwirklichen, eine Aus
söhnung, die er selbst mit dem Namen liberaler Sozialismus oder auch
synthetischer Sozialismus, oder einfach „Synthetismus“ bezeichnet 2 ).
Für ihn stehen das Individuum und der Staat nicht im Gegensatz
zueinander, sondern ergänzen sich. Beide sind, nach einem, unserer
Ansicht nach höchst richtigen Ausdruck „Abstraktionen“. Die
einzige Wirklichkeit ist der soziale Mensch, nämlich der in Gesell
schaft lebende Mensch. Der wirkliche Mensch, der Mensch, so wie
wir ihn kennen, hat zwei Reihen von Interessen: die, auf Grund
deren er in Gegensatz zu seinesgleichen tritt, und die ihm als Persön
lichkeit eigen sind; und die, die er mit seinesgleichen gemein hat, und
deren Verteidigung und Aufrechterhaltung die Fortdauer der Gattung
sichern. Diese Interessengruppen sind gleichberechtigt, da ihre Be
friedigung in gleicher Weise zum Leben des sozialen Menschen not
wendig ist. Der Staat und das Individuum sind einfach zwei Aus
drücke, mit denen wir den sozialen Menschen bezeichnen — je nach
dem wir ihn bei Verfolgung seiner kollektiven Interessen oder seiner
besonderen und persönlichen Interessen betrachten. Beide haben ihr
eigenes Reich, das durch die Natur der Dinge abgegrenzt ist.
Der Staat hat die Aufgabe, die allgemeinen — allen Menschen
gemeinsamen — Existenzbedingungen zu sichern. Die Aufgabe
des Individuums ist es, seine persönliche Stellung innerhalb
der Gesellschaft gemäß seinen eigenen Fähigkeiten, seiner Arbeit und
Ausdauer zu verwirklichen. Damit beide, der Staat wie das Indivi
duum, ihre Aufgabe erfüllen können, müssen beide im Besitz der not
wendigen Hilfsmittel sein: das Individuum im Besitz der Hilfsmittel,
die sich aus seiner Arbeit und seiner Spartätigkeit ergeben, der Staat
die Steuern ersetzen und ihre Erhebung von aller Belästigung und Ungerechtigkeit
befreien (ebd. S. 273).
1 ) Vgl. in den Etudes d’Economie Sociale den: Methode de con-
ciliation ou de Synthese überschriebenen Abschnitt. Im Vorwort zu: Fort
schritt und Armut erklärt Henry George: „Was ich in diesem Buch getan
habe . . ., ist, die von der Schule Smith’s und Eicardo’s geschaute Wahrheit, mit
der Wahrheit, die Phoddhon und Lassallb leuchtete, zu verbinden, und nachzuweisen,
daß das laisser-faire (in seinem wahren und vollen Sinne) den edlen Träumen des
Sozialismus den Weg öffnet“ (Englische Ausg., Verlag Kegan Paul, Trench,
Triibner & Co., Ltd,, London 1908, S. VIII Anm. d. Übers.).
2 ) Etudes d’Economie Sociale, S. 239.