Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  663

daher  fehlgeschlagen.  Sogar  die  Freunde  Webb’s  haben  sich  ihm
nicht  angeschlossen*),  obgleich  auch  sie  beständig  auf  die  „drei
Monopole“  verweisen.
Der  Versuch  ist  weniger  an  sich,  denn  als  Symptom  interessant.
Schon  in  Frankreich  und  Deutschland  haben  wir  gesehen,  daß  Marx’
nächste  Schüler  seine  Werttheorie  verwarfen  und  zum  Teil  zur
Theorie  des  Grenznutzens  übergingen.  Ein  Teil  der  englischen
Sozialisten  nimmt  dieselbe  Entwicklung.  Der  Sozialismus  scheint  in
allen  Ländern  den  Anspruch  aufzugeben,  eine  neue  „  Arbeiter  “-Volkswirtschaft
  neben  der  „bürgerlichen“  Volkswirtschaft  zu  schaffen,  und
zu  der  Einsicht  zu  kommen,  daß  es  nur  eine  einzige  volkswirtschaftliche ­
  Wissenschaft  geben  kann,  die  von  allen  Parteien  und  sozialen
Idealen  unabhängig  ist,  und  deren  Rolle  einfach  darin  besteht,  die
wirtschaftlichen  Tatsachen  wissenschaftlich  zu  erklären.
In  ihrer  Reaktion  gegen  die  marxistischen  Theorien  gehen  die
Fabier  sogar  bedeutend  weiter,  als  die  Syndikalisten.  Nicht  nur
verwerfen  sie  die  Werttheorie  von  Marx,  sondern  auch  seine  ganze
soziale  Lehre.  Ihre  Opposition  erstreckt  sich  hauptsächlich  auf  zwei
Punkte  und,  obgleich  wir  uns  damit  von  dem  eigentlichen  Gegenstand ­
  dieses  Kapitals,  der  Rententheorie,  entfernen,  so  ist  es  doch
notwendig,  auf  sie  hinzuweisen,  um  unsere  Darlegung  der  fabischen
Gedanken  zu  vervollständigen.
Die  soziale  Lehre  Marx’  beruht  auf  dem  Klassenkampf:  für  ihn
ist  der  Sozialismus  die  Lehre  des  Proletariats.  Ihr  Triumph  ist
der  Triumph  des  Proletariats  über  die  Bourgeoisie.  Ihre  Prinzipien
stehen  denen  der  bestehenden  Gesellschaft  ebenso  gegenüber,  wie
die  Interessen  der  beiden  Klassen  sich  gegenüberstehen.  Nichts  derartiges ­
  findet  sich  bei  den  Fabiern.  Für  sie  ist  der  Sozialismus  nur
eine  Fortsetzung  des  demokratischen  bürgerlichen  Ideals.  Sie  begnügen ­
  sich  damit,  logisch  die  Prinzipien  zu  entwickeln,  auf  denen
schon  heute  die  Gesellschaften  beruhen.  „Das  wirtschaftliche  Bild
des  demokratischen  Ideals“,  sagt  Webb,  „ist  tatsächlich  der  Sozialismus ­
  selbst“ 2 ).  Es  handelt  sich  nicht  darum,  die  Vorherrschaft  des
Bürgertums  durch  die  Vorherrschaft  des  Proletariats  zu  ersetzen,
noch  auch  den  Arbeiter  von  dem  Lohnsystem  zu  erlösen  (unter  der
Herrschaft  des  Sozialismus  wird  jedermann  Lohnempfänger  sein,
sagen  die  Fabier),  sondern  die  Industrie  im  Interesse  der  „gesamten
Gemeinschaft“  zu  organisieren.  „Nicht  nur  für  die  Grubenarbeiter,
die  Schuhmacher  oder  die  Handelsangestellten  verlangen  wir  die

*)  Bbrnard  Shaw  unterscheidet  z.  B.  in  seiner  Economic  basis  of
socialism  in  den  Fabian  Essays  scharf  zwischen  den  eigentlichen  Zinsen  und
der  ökonomischen  Eente.
2 )  Fabian  Essays,  S.  35.
            
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