Kapitel IV. Die Anarchisten.
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die Gesunden zahlen so für die Gebrechlichen. Auch das Mitglied
einer Konsumgenossenschaft sucht weniger den Gewinn, als bessere
Befriedigung seiner Bedürfnisse. Mit einem Wort; während unter
der heutigen Ordnung des allgemeinen Wettkampfes ein Jeder be
strebt ist, seinen Konkurrenten beiseite zu schieben, wird unter der
Ordnung der Assoziation ein Jeder sich bemühen, seinen Nebenmenschen
zu benutzen. An die Stelle des „do ut des“ *) tritt die Solidarität, an
die Stelle des „einem Jeden das Seine“ tritt: „Jeder für Alle“. Je
weiter man auf diesem Wege fortschreitet, um so mehr gelangt man, ob
mau es wolle oder nicht, von der Herrschaft des Tausches zu der
des Solidarismus.
Kapitel IV.
J)ie Anarchisten.
Die anarchistische Lehre ist das Produkt einer eigentümlichen Ver
schmelzung der liberalen und sozialistischen Ideen. Dem Liberalismus
entlehnt sie ihre wirtschaftliche Kritik des Staates, ihren Fanatismus
für die freie Initiative, ihren Begriff einer spontanen wirtschaft
lichen Ordnung. Dem Sozialismus entnimmt sie ihre Kritik des Eigen
tums und ihre Theorie der Ausbeutung des Arbeiters.
Indem sie aber beide verbindet, und gerade weil sie beide
verbindet, geht sie weit über beide hinaus. Auch der extremste
Liberalismus, der eines Dunoyer zum Beispiel, behielt dem Staat noch
eine wesentliche Funktion vor, die eines „Sicherheits-Produzenten“.
Als echter Bourgeois des Jahres 1830 sieht Dünoyer in der Ordnung
das primäre Bedürfnis jeder Gesellschaft 2 ). Mit den Waffen der
sozialistischen Kritik ausgerüstet, verwerfen die Anarchisten auch
diese letzte Funktion des Staates, denn in ihren Augen ist die Sicher
heit, von der Dunoyer spricht, einzig und allein die Sicherheit des
x ) Das System der Solidarität unterscheidet sich sowohl von dem des Austausches,
wie von dem der Nächstenliebe. Die Tauschwirtschaft besteht in einer Leistung
mit dem Zwecke, eine genau gleichwertige Gegenleistung zu erhalten. Die Nächstenliebe
ist eine Leistung ohne irgendwelche Reziprozität, d. h. sie ist das, was man ein
Opfer nennt. Die Solidarität ist auch ein Opfer —, denn man wird bemerken, daß
jede Aufforderung zur Solidarität die Idee eines gewissen Opfers wach ruft, —
aber eines Opfers, das nicht vollkommen selbstlos ist: es ist das Opfer eines. Teiles
unseres individuellen Ich’s, um einen Anteil am kollektiven Ich zu erwerben.
2 ) Vergleiche z. B. seinen Artikel „Gouvernement“ in dem Wörterhuche
von Coquelin & Guili.aumin.