Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die neuere Handelsentwickelung, ihre Arbeitssteilung und Bedeutung. 337 
gesunde und große Grundaristokratie, eine ausgebildete Heeres- und Beamtenverfassung 
ist, existieren noch starke Gegengewichte, welche ihren monopolartigen Einfluß in der 
Volkswirtschaft und Gesetzgebung, sowie im Staatsleben im ganzen hemmen, ihren großen 
Gewinnen gewisse Schranken setzen. 
Die höhere Schicht der kaufmännischen Welt stützt sich auf ihren beweglichen 
Kapitalbesitz, wie die Grundaristokratie auf ihren Grundbesitz. Aber es ist eine sehr 
schiefe Auffassung, aus dem Kapital an sich alles heute abzuleiten, was Folge der tech— 
nischen, geistigen und moralischen Eigenschaften der Kaufleute, was das Ergebnis ihrer 
Marktkenntnis und -vbeherrschung, ihrer Organisation, ihres teilweise vorhandenen 
Monopolbesitzes der Geschäftsformen und Geschäftsgeheimnisse ist. Ihre Stellung in 
der modernen Volkswirtschaft hat man lange von der günstigsten Seite, neuerdings unter 
dem Eindrucke gewisser Mißbräuche und Entartungen, auch unter dem Einflusse socia— 
listischer Theorien vielfach überwiegend zu ungünstig be- und verurteilt. Gewiß kann 
der habsüchtige Handelsgeist entarten, in herrschsüchtiger Monopolstellung für Volks— 
wirtschaft und Staat große Gefahren bringen. Aber nie sollte man dabei übersehen, 
daß die arbeitsteilige Ausbildung des Handelsstandes der Fortschritt ist, der unsere 
moderne Volks- und Weltwirtschaft schuf. Und stets sollte man sich klar sein, daß 
dieser Handelsgeist je nach den Menschen, ihren Gefühlen und Sitten, ihrer Moral und 
Rasse etwas sehr Verschiedenes sein kann. Eine fortschreitende Versittlichung der Geschäfts— 
formen kann die Auswüchse des egoistischen Handelsgeistes abschneiden; ein reeller Ge— 
schäftsverkehr, eine steigende Ehrlichkeit und Anständigkeit in Handel und Wandel kann 
Platz greifen; durch Staats- und Kommunalbanken, durch Genossenschaften und Vereine, 
die wirtschaftliche Funktionen übernehmen, teilweise auch durch das Aktienwesen und 
seine Beamten kommt in einen Teil des Geschäftslebens ein anderer, zugleich auf Ge— 
samtinteressen gerichteter Geist. Die großen Organisationen der Industrie und der 
Landwirtschaft haben sich teilweise schon von der Vorherrschaft des Händlertums befreit. 
Alle Gefahren wucherischer Ausbeutung der übrigen Volksklassen und des Staates durch 
die Händler werden in dem Maße zurückgedrängt, wie das ganze Volk die modernen 
Handels- und Kreditformen erlernt und beherrscht. 
Für das Verständnis der neueren politischen und volkswirtschaftlichen Entwicke— 
lung der Kulturvölker ist es eine Erscheinung von größter Bedeutung, daß von den 
drei bisher geschilderten, durch Arbeitsteilung entstandenen aristokratischen Gruppen der 
Gesellschaft die beiden ersteren, die Priester und Krieger, wenn nicht verschwunden, so 
doch ihrer Übermacht entkleidet sind; ihre Berufe dauern in wesentlich anderen gesell— 
schaftlichen Formen heute fort. Wohl giebt es noch Staaten mit starker Priesterschaft; 
aber die höher civilifierten, besonders die protestantischen, haben eine Geistlichkeit, einen 
Lehrerstand ohne wirtschaftliche Vorrechte und Ubermacht. Wohl giebt es noch Militär— 
staaten, wie Preußen, aber der Offiziersstand herrscht nicht, rekrutiert sich aus allen 
Kreisen der Gebildeten; die allgemeine Wehrpflicht hat das proletarische Söldnerberufs— 
heer mit seiner einseitigen Arbeitsteilung abgelösi. 
Die Handelsaristokratie der Gegenwart konnte und kann nicht ebenso verschwinden, 
weil ihre arbeitsteilige Funktion, die Leitung und Reguliecung der wirtschaftlichen Pro— 
duktion, der Verteilung der Güter erst in den letzten 2—3 Jahrhunderten entstand und 
heute unentbehrlich ist. Wäre der Handel aller Zwischenhändler so entbehrlich, wie die 
Socialisten meinen, verdienten die kaufmännischen Fabrikleiter ihre Gewinne nur mit 
demselben Rechtstitel wie die Jungen, die über die Mauer steigen, um Äüpfel zu stehlen 
(Kautsky), dann wäre diese Handelsaristokratie auch schon verschwunden. Sie wird 
bleiben, so lange sie am besten große und wichtige Funktionen der Volkswirtschaft ver— 
sieht. Aber ihre einseitige Herrschaft wird abnehmen, wie wir eben schon andeuteten. — 
116. Die Entstehung eines Arbeiterstandes. Sklaverei, Leibeigen— 
schaft. Die drei Gruppen der Gesellschaft: Priester, Krieger, Händler bleiben die 
Grundtypen aller Aristokratie. Die betreffenden Individuen und Gesellschaftsgruppen 
steigen durch eigentümliche Kräfte und Vorzüge empor, erreichen durch sie die größere 
Ehre, die größere Macht, das größere Einkommen und Vermögen. Sie steigen in harten 
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre J. 4-6. Aufl. 22
	        
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