338 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Daseinskämpfen auf, denen Gewalt, Betrug und Mißbrauch so wenig fehlen kann wie
allem Menschlichen. Die Priester haben Dokumente gefälscht, um ihren Besitz zu mehren,
die Ritter haben widerrechtlich Bauern von ihren Hufen bertrieben, die Händler haben
mit List und Betrug, mit Wucher und oft auch mit Gewalt ihren Besitz vergrößert. Sie
haben stets gesucht, ihre Stellung um jeden Preis zu befestigen, sie haben die übrige
Volksmasse herabgedrückt, sie ihrer Leitung und Gewalt unterstellt. Diese Unterstellung
war aber ein unabweisbares Bedürfnis der gesellschaftlichen Organisation. Größere
politische und wirtschaftliche Körper konnten nur entstehen, indem die führenden und
gehorchenden Kreise sich schieden. Auch die künftige Emporhebung und Erziehung der
Massen konnte nur so vorbereitet werden, obwohl zunaͤchst damt Härten und Miß—
bildungen aller Art eintraten.
Die erwähnten aristokratischen Gruppen werden meist nur einige Prozente der
Völker ausgemacht haben; die Masse lebte zunächst in hergebrachter Weise weiter, als
kleine Ackerbauern, Hirten, Waldbewohner, in den Städten nach und nach als Hand—
werker. Diese Gruppen der Gesellschaft, aus denen dann der Mittelstaud sich zusammen⸗
setzte, treten uns bald allein, bald auch in Verbindung mit einer unmer ihnen stehenden
Schicht entgegen. Der Mittelstand kommt teilweise auch in Abhängigkeit von den
aristokratischen, führenden Teilen der Gesellschaft, teilweise behauptet er eine gewisse
Freiheit. Dabei stellt er einen Teil der Gesellschaft dar, der mehr die alte Zeit,
Technik, Wirtschaftsweise als die neue repräsentiert, aus dem heraus viel weniger als
aus den aristokratischen der Fortschritt entspringt. Jedenfalls aber bedurften die füh—
renden Elemente der direkten mechanischen Hülfe von dienenden, den Familien und Be—
trieben angegliederten Kräften. Wo Großes geschehen soll, muß der Kluge und Kräf⸗
tige befehlen, und der, welcher über gute Arme verfügt, gehorchen. Nur so können,
vollends bei primitiver Kultur, erhebliche politische und wirtschaftliche Erfolge erzielt
werden. Die Arbeitsteilung zwischen geistiger und mechanischer Arbeitskraft ist ein un—
entbehrliches Glied auf der Bahn der gesellschaftlichen Differenzierung und des wirt—
schaftlichen Fortschrittes.
Diese Arbeitsteilung war zunächst überall durch die patriarchalische Familien—
verfaffung gegeben: die Frauen, die Söhne und Töchter, oft auch verheiratete Kinder,
ältere unverheiratete Geschwister und Verwandte, die Knechte und Mägde waren in ihr
die ausführenden Kräfte. Soweit die patriarchalische Familie Platz griff, entstand so
eine Arbeitsteilung teils für Jahre, teils fürs Leben, die nur eine kleine Zahl Befehlender
kannte. Die kleine, neuere Familie schuf diese Stellung für eine etwas größere Zahl.
Aber auch sie beließ zunächst den größeren Teil der 12-3830jährigen in einem Dienst—
oder Arbeitsverhältnis bei ihren Eltern oder in anderen Familien, in Kleinbetrieben;
ihre Stellung war auch in letzteren vielfach die von Familiengenossen, welche Wohnung,
Unterhalt und Kleidung, daneben einige Geschenke, auch etwas Geid erhielten. Wir
werden unten darauf zurückkommen, welch' großer Teil der heute in der Statistik auf⸗
geführten Arbeiter noch Familienglieder oder Leute sind, welche, ohne dem Arbeiter—
stande anzugehören, bis zum 25. oder 80. Jahre in einer dienenden Arbeitsstellung sind.
Aber wo die herrschaftlichen Organisationen sich ausdehnten und befeftigten,
reichten die Familienglieder und jungen, freien Leute nicht aus. Wo verschiedene
Rafsen und Völker sich bekämpften, die einen die anderen unterwarfen, wo dann ver—⸗
schiedene Rassen durcheinander wohnten, ergaben sich hiedurch Abhängigkeitsverhältnisse,
die nicht bloß auf die jüngeren sich beschränkten. Es entstanden so besondere Klassen
mechanisch dienender Kräfte als die notwendigen Ergänzungsglieder der aristokratischen
Kreise und ihrer Organisationen.
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage dieser Kreise fand ihren rechtlichen
Ausdruck in den drei großen Institutionen der Sklaverei, der Leibeigenschaft, der freien
Arbeit. Die erstere knüpft in ihrer Entstehung rein an die Familie an, wird aber dann
mit der Entstehung der Unternehmung etwas wesentlich anderes; die Leibeigenschaft
knüpft hauptsächlich an die Unterwerfung ganzer Stämme an und wird das ergänzende
Glied der Grundherrschaft; die persönlich freie Lohnarbeit ist dag Ergebnis der modernen