Die Entstehung des Handels und der Händler. 335
Der ältere Kaufmann ist so im ganzen wie der Priester und der Krieger eine
aristokratische Erscheinung. Der Handel größeren Stils bietet noch leichter Möglich—
keiten des Gewinnes als jene Berufe; er ist lange ein Monopol bestimmter Stämme,
Städte, Familien; er fordert Talent, Mut, Charakler, er bietet Gelegenheit zu List,
Gewalt und Herrschaft; daher ist der Merkur der Gott der Kaufleute und der Diebe.
Für die naive ältere Auffassung ist der Kaufmann der stolze, hochmütige, zungenfertige,
sprachkundige, weltbürgerliche, von der Heimat losgelöste Völkervermischer, welcher Kultur,
Luxus, höhere Gesittung, aber auch Auflösung der bestehenden Sitten und allerlei Laster
bringt. Neben dem aristokratischen Kaufmann, der in die Fremde zieht, stehen nun
aber teils von Anfang an, teils bald darauf weitere arbeitsteilige Glieder von Handel
und Verkehr, die mehr dem Mittelstande oder gar den unteren Klassen angehören. Schon
die kleineren Hausierer, die teils im Gefolge des großen Kaufmannes, teils selbständig
mit etwas höherer wirtschaftlicher Entwickelung entstehen, gehsren hieher.
In dem Maße, wie aus den älteren Märkten, die einigemale im Jahre bei
Gelegenheit der Gerichts- und Volksversammlung, der kirchlichen Feste gehalten werden,
täglich stattfindende Märkte werden, treffen wir seßhafte Kleinkaufleute, Krämer, Höker,
welche, mit kleinem Gewinn sich begnügend, den lokalen Detailhandel übernehmen; es
entsteht daneben ein offizielles Marktpersonal von Marktmeistern, Messern, Trägern,
Maklern, Warenprobierern, denen sich erst der fremde Münzer und Geldwechsler, dann
der heimische zugesellt. Aus letzteren erwächst später der Bankier und das ganze Kredit—
geschäft, das aber lange auch von anderen Großkaufleuten, von Klöstern und Stadt—
verwaltungen, von Goldschmieden nebenher betrieben wird, erst im Laufe der letzten
200 Jahre seine große, selbständige Ausbildung, seine Specialitäten, seine innere, weit—
gehende Arbeitsteilung empfangen hat.
Das Verkehrsgeschäft ist sehr lange Sache des reisenden Kaufmanns selbst. Er
verpflegt fich unterwegs oder nimmt Gastfreundschaft in Anspruch, er besitzt eigene
Schiffe, Pferde und Wagen, er oder seine Diener begleiten die Waren selbst. Im Orient
kehrt er noch heute in der von den öffentlichen Gewalten hergestellten Karawanserei ein,
die ihm nur leere Räume bietet. Gasthäuser sind erst langsam im Mittelalter auf⸗—
gekommen, noch im vorigen Jahrhundert mußte die preußische Verwaltung sich bemühen,
fie durch besondere Verguͤnstigungen ins Leben zu rufen, während heute das Gasthaus,
die Bank und die Poststelle die ersten Häuser einer städtischen Neugründung in Amerika
sind, und die europäische Gasthausindustrie eine der großartigsten, technisch und auch
arbeitsteilig vollendetsten ist.
Die Entstehung eines besonderen Frachtgewerbes haben wir am Wasser zu suchen.
Der Schiffer, der freilich lange zugleich Fischer bleibt, auch einzelne Zweige des Handels,
so hauptsächlich den Getreide- und Holzhandel, mit feinem Frachtgewerbe verbindet,
nimmt den Kaufmann und seine Waren schon bei den Phönikern und im Altertume
auf; aber daneben bleiben vielfach die Großkaufleute der Seestädte Reeder und Schiffs-
besitzer bis heute. Viel langsamer entwickelt sich ein besonderes Frachtfuhrgeschäft auf
dem Lande. Das Altertum hat nur Spuren davon; die neueren Zeiten haben es vom
15. — 18. Jahrhundert langsam entstehen sehen; die Metzger und Bauern an den Haupt—
straßen beschäftigen lange ihre Pferde nebenher in dieser Weise, bis das regelmäßige
Frachtfuhrgeschäft als selbständiges Gewerbe sich lohnte. Eine Post im Dienste der
kaiserlichen Verwaltung hat das Altertum gekannt, aber nicht im Dienste des Verkehrs;
erst aus den städtischen und fürstlichen Botenkursen des 15. —17. Jahrhunderts sind die
Posten unserer Tage als selbständige, dem Bries-, Personen- und Frachtverkehr dienende
Institute erwachsen. An sie knüpfen sich als große Privatunternehmungen oder Staats—
institute unsere heutigen Eisenbahnen, Telegraphenanstalten, Postdampferlinien, Telephon—
einrichtungen mit ihrem arbeitsteiligen Personal von Tausenden von Personen.
Alle diese Institutionen zusammen haben vom 16. Jahrhundert an unsern Handel
und seine Einrichtungen in den civilisieriten Staaten und zwischen ihnen gänzlich um—
gestaltet. Nun konnte der Kaufmann zu Hause bleiben, durch Briefe und Frachtgeschäfte,
welche andere besorgten, seinen Handel abmachen; er brauchte nicht mehr in gleichem