Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

336 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. 
Maße wie früher allein oder in Genossenschaft sich eine Stellung in fremden Ländern 
zu erkämpfen; Derartiges nahm ihm, wenigstens teilweise, die Staatsgewalt ab. Selbst 
die Warenlagerung und das Vorrätehalten ging teilweise auf besondere Geschäfte und 
Organisationen, wie die öffentlichen Lagerhäuser über; das Spekulieren, das Ein- und 
Verkaufen auf der Börse, durch den reisenden Commis, durch Korrespondenz trat in den 
Vordergrund der großen, das Ladengeschäft in den Vordergrund der kleinen Geschäfte. 
Aber weder damit, noch mit der Scheidung der Handels- von den Verkehrs⸗ 
zejchäften und -organen, noch mit der Ausbildung der besonderen Kredithändler, der 
Banken ist die neuere Arbeitsteilung im Handel und Verkehr erschöpft, die Stellung des 
neueren Händlertums charakterisiert. Man wird fagen können, vom 15. und 16. Jahr⸗ 
hundert bis zur Gegenwart habe der Handelsstand erst seine selbständige höhere Aus— 
bildung und Teilung erreicht, sei er erst der Beherrscher und Organisator der Volts— 
wirtschaft geworden. Erst von da an hat die Gütercirkulation, der Abfatz, die inter— 
(okale und internationale Teilung der Arbeit so zugenommen, daß sie überall des 
handels und seiner Teilorgane bedurfte. Erst jetzt entstand für einzelne Handwerks— 
varen ein Absatz in die Ferne durch den Kaufmann; der Handel schuf die Hausindustrie, 
wie er später hauptsächlich die Großunternehmung ins Leben rief. Wir werden unten 
darauf zurückzukommen haben, daß die ganze Unternehmung wesentlich durch den Gewinn 
auf dem Markte, durch den Handel und den Kaufmann entstand. Die großen Messen 
zehören der Zeit von 160021800, die größeren Börsen der von 1800 1900 un. 
Beide sind Ergebnisse des Handels. Die ganze privatwirtschaftliche, spekulative Seite 
der heutigen Volkswirtschaft hängt am Handel, liegt in den Händen der Kaufleute, ist 
von der arbeitsteiligen Handels- und Verkehrsorganisation abhängig, welche sich immer 
einflußreicher, komplizierter gestaltet hat; sie beherrscht Industrie und Landwirtschaft, 
»en großen Teil der wirtschaftlichen Produktion und die Verteilungsgeschäfte, welche die 
Büter den einzelnen zuführen. 
Allerdings zeigen die Handels-, Versicherungs-, Verkehrs- und Beherbergungs⸗ 
zewerbe in unserer heutigen Berufs- und Gewerbestatistik entfernt nicht die Speciali— 
sierung wie die Industrie. Aber in der deutschen Zählung von 1882 sind doch für den 
Handel mit Tieren 832, mit landwirtschaftlichen Probukten 121, mit Brennmalerkalien 33, 
nit Metallen 51, mit Kolonial-, Eß- und Trinkwaren 121, mit Schnittwaren 126, mit 
Kurz⸗ und Galanteriewaren 51 Specialitäten von Geschäften verzeichnet. Die Anpassung 
der Verkaufsgeschäfte an die Bedürfnisse der verschiedenen Klafsen und Orte hat Magazine 
und Läden jeder Art, von den kleinsten bis zu den Riesenbazaren geschaffen. Die ver— 
schiedensten Formen des Verkaufs stehen nebeneinander: Hausfierbetrieb, Wochen-, Jahr⸗ 
markts⸗, Markthallenverkauf, Auktionsgeschäfte, Wander- und stehende städtische Verkaufs— 
ager. Die Linien zwischen Produktion und Konfumtion werden durch Makler, Agenten, 
Kommissionäre, Groß- und Kleinhändler aller Art verlängert. Und so sehr an vielen 
Stellen die Zunahme und Verbesserung der Verkehrsmittel früher notwendige Mittel⸗ 
glieder des Handels ausmerzt, da und dort entstehen wieder neue. Und jedenfalls ist 
die Macht und der Einfluß des Händlertums immer noch eher im Wachfen, so ver—⸗ 
schiedenartig Stellung und Einfluß der Elemente sind. 
Die kleinen Ladenhalter, Höker, Hausfierer, das Personal der Markthelfer, Packer, 
Träger, Dienstmänner, das subalterne Personal aller Verkehrsanstalten steht mit dem 
gelernten und ungelernten Arbeiter auf einer Stufe, die kleinen Ladengeschäfte mit 
dem Handwerker, die großen Ladengeschäfte rechnen zum höheren Mittelstande; ihre 
Tausende von Commis und sonstigen Gehülfen gehbren teils ihm, teils dem höheren 
Arbeiterstande an. Über all' dem stehen die höhere Geschäftsweli, die Großhändler, die 
Direktoren und Leiter der Aktiengesellschaften, Kartelle, Banken und ähnlicher Geschäfte; 
iie bilden die Spitze der kaufmännischen Welt. Sie werden nicht mehr Fürsten, wie 
einst die Medici oder heute noch glückliche arabische Händler in Afrika, aber sie über— 
agen an Reichtum, Macht und Kinfluß doch da und dort alle anderen Kreise der 
Gesellschaft, beherrschen in einzelnen Staaten Regierung und Verwaltung nicht minder 
als einst in Karthago, Venedig und Florenz. Nur wo Line alte, starke Monarchie, eine
	        
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