108 Elftes Buch. Zweites Rapitel.
kann. In der That war er früh in alle Zweige der Politik
seiner Zeit eingeweiht worden. Am 14. Mai 1316 zu Prag
geboren, seit dem siebenten Jahre als französischer Prinz am Hofe
Frankreichs erzogen, hatte er schon mit fünfzehn Jahren die Re—
gierung der von seinem Vater rasch eroberten Lombardei, mit
siebzehn Jahren die des Landes Böhmen geführt, dessen Fi—
nanzen sein Vater völlig zerrüttet hatte. Es waren schwierige
Aufgaben gewesen, die auch ein reifer Verstand zu bewältigen
Mühe finden konnte; Karl erwarb in ihnen um so eher eine frühe
Reife des Charakters, als seine Natur nicht impulsiv, sondern
reflektorisch veranlagt war. Dieser Hang zur Reflexion fand
im übrigen seine Nahrung namentlich auf religiösem Gebiete.
Karl war abergläubisch, und darum fromm im Sinne der
Sakramentskirche seiner Zeit; niemand ist im 14. Jahrhundert
ein größerer Reliquienjäger gewesen. Ja von hier aus hatte
sich bei ihm sogar ein gewisser Zug zu theologischer Mystik ent⸗
wickelt. Freilich handelte es sich dabei nicht etwa um ein Er—
fassen der religiösen Probleme aus der vertieften Innerlichkeit
der deutschen bürgerlichen Mystik heraus; Karls Mystieismus
war äußerer, gleichsam politischer Natur; er beruhte auf
dem fatalistischen Glauben an eine besondere Gewogenheit
Gottes gegenüber seiner Person und seiner Stellung. Ahnlich
äußerlich war sein Verhältnis zu Kunst und Wissenschaft. Er
hat beide gefördert, und er fand an beiden bis zu einem ge⸗
wissen Grade persönliches Gefallen. Vor allem aber sollten sie
seiner Herrscherstellung dienen. Prag ist, kunstgeschichtlich be—
trachtet, noch heute die Stadt Karls IV. Sieht man aber die
Einzelheiten dieser karolinischen Kunst genauer an, etwa die
Wenzelskapelle am Dom auf dem Hradschin in ihrer barbarischen
Pracht, mit ihren bis über Manneshöhe aus böhmischen Edel—
steinen bestehenden Wänden, mit dem in deutschen Adlern und
böhmischen Löwen gemusterten Goldhintergrund ihrer Fresken,
mit ihrem auch im Allerheiligsten nicht fehlenden Porträtbild
Karls, so versteht man: die Kunst hatte hier zu dienen,
nicht aber freimächtig zu herrschen. Ein früher Zug des
Gottesgnadentums geht durch diese Kultur; sie war Ausdruck