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waren. Hatte man früher etwa konkrete Rechtsfragen
erörtert, so fragte man jetzt nach dem Wesen
des Rechts. Hatte man früher um konkrete Maßregeln
der Staatsgewalt gestritten, so handelte es sich
jetzt um das Wesen des Staates. Alles in der sozialen
Welt schien zu wanken und zu weichen. Pa
drängte sich von selbst die Frage auf, was von der
Zukunft zu fürchten und zu hoffen, was in Staat und
Gesellschaft bleibend und was dem Untergang geweiht,
was Unsinn und Torheit und was eiserne Notwendigkeit
und ewige Wahrheit sei. Und nun gab
es auch eine intellektuelle Klasse, die solche Diskussionen
um ihrer selbst willen liebte, deren Lebenselement
Kritik und Forschung war, deren Vorwitz
vor nichts haltmachte und die nur durch ein loses
Band mit den Interessen und Schwierigkeiten des
Mannes der Praxis verbunden war.
Mit gleichsam jugendlichem Wagemut griff man
sofort nach dem höchsten Ziel. Im Handumdrehen
wollte man eine einheitliche Wissenschaft vom
sozialen Sein und Werden hervorzaubern, die alle
Fragen beantworten, alle Not der Zeit heilen sollte.
Neben dem Gebäude der Naturwissenschaft sollte ein
Neubau für die Sozialwissenschaft entstehen, um eine
damals sehr übliche Terminologie zu gebrauchen,
neben der „Naturphilosophie“ eine „Moralphilosophie“
1 , deren Probleme, wie schon Newton und
1 Natürlich, ist diese Bedeutung beider Worte von der zu unterscheiden,
welche sie später, besonders in Deutschland gewannen.
In unserer Bedeutung hat weder Natur- noch Moralphilosophie etwas
mit „Philosophie“ im gegenwärtig allein üblichen Sinn zu tun. Vielmehr
ist hier „Philosophie“ ganz synonym mit „Wissenschaft“.