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würfe hat er mit dem spöttischen Zeugnis „Poesie" bedacht. In dieser
Bedeutung mag das Wort auch für Schön gelten; denn ein ideales Denken
über Staat und Staatsregierung war allerdings dem Manne eigen, den
Ranke den, wenn auch nicht wissenschaftlich, so doch praktisch vielleicht be
deutendsten Schüler Kants genannt hat. Das Bündnis zwischen preußischem
Staat und deutschem Geistesleben, wie es dem Zeitalter der Erhebung seine
innere Größe gibt, kommt in Schöns Individualität zu besonderem Aus
druck; das verleiht ihm eine repräsentative Bedeutung, die dadurch nicht
gemindert wird, daß wir uns vielfach an den Ecken und Kanten seiner Natur
stoßen. Es ist ja nicht der Erkenntnistrieb, der seine Beziehung zur Philo
sophie vermittelt, und um den Umkreis und die Tiefe ihrer theoretischen
Probleme zu erschöpfen, gingen ihm wohl die eindringende Verstandes
schärfe und die kritische Besinnung ab. Aber von den sittlichen Kräften des
deutschen Idealismus hat er wirksame Antriebe empfangen und ihre Haupt
gedanken sich anzupassen gewußt. Die Idee der Würde und Freiheit des
Menschen ist unzweifelhaft von Einfluß gewesen bei der Abfassung des
Entwurfs zu dem Edikt, das die Erbuntertänigkeit aufhob. Und hinter dem
Satze „Du mußt, was Du sollst", den Schön, bisweilen nicht ohne Pose,
als seinen Wahlspruch verkündet und als Ansporn zu ungewöhnliche» Lei
stungen verwertet hat, steht die hohe Auffassung der Pflicht, die der neu
deutschen Sittenlehre den Stempel aufdrückt. Dem Einfluß Fichtes, der auf
die preußischen Reformer noch unmittelbarer als Kant int Sinne dieser
Lehre gewirkt hat, ist Schön, der seit seiner Studienzeit dem Philosophen in
Freundschaft verbunden war, besonders zugänglich gewesen. Der Verkehr
rnit Fichte, so hat er später bekannt, habe in ihm die Neigung geweckt, „bei
jeder Sache den höheren Gesichtspunkt zu finden und zu halten." Das
gerade hob ihn weit über die Routiniers hinaus. Was er tat, stand im Zu
sammenhang einer einheitlichen, tief begründeten Staatsauffassung.
Die Suche nach der „reinen Idee", die alles Handeln leiten sollte,
konnte freilich auch zu unpraktischen, blutleeren Abstraktionen führen und
das „Halten der Gedanken" in starre Konsequenzmacherei ausarten.
Vielleicht faßt man den fruchtbarsten Kern und doch auch zugleich die
größte Gefahr dieser Natur, wenn man ihre pädagogische Richtung betont.
Als Volkserzieher, der in den sittlichen Kräften der Masse den Hebel des
Fortschritts erblickt und überall nach den moralischen Wirkungen seiner
Maßregeln fragt, hat Schön wohl sein Bestes geleistet. Wie er dem Schul
wesen besondere Fürsorge angedeihen ließ, war es seiner Überzeugung nach
auch Aufgabe der Gesetzgebung, „daß im Volk sich ein Charakter bilde", daß
es sittlich und damit auch wirtschaftlich tüchtig werde. Dieser lebendige
Sinn für seelische Werte ist aber verquickt mit schulmeisterlichen Zügen:
absprechender Tadelsucht und einer Überschätzung allgemeiner Grundsätze