Full text : Das Retablissement Ost- und Westpreußens unter der Mitwirkung und Leitung Theodors von Schön

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würfe  hat  er  mit  dem  spöttischen  Zeugnis  „Poesie"  bedacht.  In  dieser
Bedeutung  mag  das  Wort  auch  für  Schön  gelten;  denn  ein  ideales  Denken
über  Staat  und  Staatsregierung  war  allerdings  dem  Manne  eigen,  den
Ranke  den,  wenn  auch  nicht  wissenschaftlich,  so  doch  praktisch  vielleicht  bedeutendsten ­
  Schüler  Kants  genannt  hat.  Das  Bündnis  zwischen  preußischem
Staat  und  deutschem  Geistesleben,  wie  es  dem  Zeitalter  der  Erhebung  seine
innere  Größe  gibt,  kommt  in  Schöns  Individualität  zu  besonderem  Ausdruck; ­
  das  verleiht  ihm  eine  repräsentative  Bedeutung,  die  dadurch  nicht
gemindert  wird,  daß  wir  uns  vielfach  an  den  Ecken  und  Kanten  seiner  Natur
stoßen.  Es  ist  ja  nicht  der  Erkenntnistrieb,  der  seine  Beziehung  zur  Philosophie ­
  vermittelt,  und  um  den  Umkreis  und  die  Tiefe  ihrer  theoretischen
Probleme  zu  erschöpfen,  gingen  ihm  wohl  die  eindringende  Verstandesschärfe ­
  und  die  kritische  Besinnung  ab.  Aber  von  den  sittlichen  Kräften  des
deutschen  Idealismus  hat  er  wirksame  Antriebe  empfangen  und  ihre  Hauptgedanken ­
  sich  anzupassen  gewußt.  Die  Idee  der  Würde  und  Freiheit  des
Menschen  ist  unzweifelhaft  von  Einfluß  gewesen  bei  der  Abfassung  des
Entwurfs  zu  dem  Edikt,  das  die  Erbuntertänigkeit  aufhob.  Und  hinter  dem
Satze  „Du  mußt,  was  Du  sollst",  den  Schön,  bisweilen  nicht  ohne  Pose,
als  seinen  Wahlspruch  verkündet  und  als  Ansporn  zu  ungewöhnliche»  Leistungen ­
  verwertet  hat,  steht  die  hohe  Auffassung  der  Pflicht,  die  der  neudeutschen ­
  Sittenlehre  den  Stempel  aufdrückt.  Dem  Einfluß  Fichtes,  der  auf
die  preußischen  Reformer  noch  unmittelbarer  als  Kant  int  Sinne  dieser
Lehre  gewirkt  hat,  ist  Schön,  der  seit  seiner  Studienzeit  dem  Philosophen  in
Freundschaft  verbunden  war,  besonders  zugänglich  gewesen.  Der  Verkehr
rnit  Fichte,  so  hat  er  später  bekannt,  habe  in  ihm  die  Neigung  geweckt,  „bei
jeder  Sache  den  höheren  Gesichtspunkt  zu  finden  und  zu  halten."  Das
gerade  hob  ihn  weit  über  die  Routiniers  hinaus.  Was  er  tat,  stand  im  Zusammenhang ­
  einer  einheitlichen,  tief  begründeten  Staatsauffassung.
Die  Suche  nach  der  „reinen  Idee",  die  alles  Handeln  leiten  sollte,
konnte  freilich  auch  zu  unpraktischen,  blutleeren  Abstraktionen  führen  und
das  „Halten  der  Gedanken"  in  starre  Konsequenzmacherei  ausarten.
Vielleicht  faßt  man  den  fruchtbarsten  Kern  und  doch  auch  zugleich  die
größte  Gefahr  dieser  Natur,  wenn  man  ihre  pädagogische  Richtung  betont.
Als  Volkserzieher,  der  in  den  sittlichen  Kräften  der  Masse  den  Hebel  des
Fortschritts  erblickt  und  überall  nach  den  moralischen  Wirkungen  seiner
Maßregeln  fragt,  hat  Schön  wohl  sein  Bestes  geleistet.  Wie  er  dem  Schulwesen ­
  besondere  Fürsorge  angedeihen  ließ,  war  es  seiner  Überzeugung  nach
auch  Aufgabe  der  Gesetzgebung,  „daß  im  Volk  sich  ein  Charakter  bilde",  daß
es  sittlich  und  damit  auch  wirtschaftlich  tüchtig  werde.  Dieser  lebendige
Sinn  für  seelische  Werte  ist  aber  verquickt  mit  schulmeisterlichen  Zügen:
absprechender  Tadelsucht  und  einer  Überschätzung  allgemeiner  Grundsätze
            
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