Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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führung könnte man fast sagen neurologische — Impressionismus. 
Vor ihm liegt eine Übergangsstufe, in der den Gegenständen 
außer uns noch mehr Zeit gelassen wird, auf uns nicht einen 
Momenteindruck, sondern eine Summe solcher Eindrücke zu 
machen, die wir dann gedächtnismäßig in einen zusammen— 
fassen, — in der sozusagen von den Objekten in unserer An— 
schauung etwas mehr bleibt, als nur ein einziges Eindrucksergeb⸗ 
nis, ein festeres Bild gleichsam von objektiverem, scheinbar mehr in 
der Erscheinungswelt außer uns gegebenem Wert, eine klarere, 
genauere, körperhaftere Anschauung, nicht bloß der Husch 
eines Eindrucks. In diesem Falle erscheint das Bild noch 
nicht so ganz nur auf unserer Innerlichkeit, auf unseren 
raschen Perzeptionen aufgebaut, es erscheint mehr als Durch— 
schnittsergebnis der Beobachtung und des dieser untergelegten 
Seins; es hat gleichsam mehr plastischen Charakter. Nennt 
man die Periode einer solchen, noch nicht ganz vollendeten 
Eindrucksmalerei die des physiologischen Impressionismus, so 
läßt sich für diese Taufe anführen, daß das Wort „physio— 
logisch“ in den siebziger Jahren zur Bezeichnung des damals 
erreichten äußersten Grades von Wirklichkeitssinn aufkam, — 
und daß dies eben der im vorigen charakterisierte Wirklich— 
keitssinn war. Und die Bezeichnung „psychologischer Impressio⸗ 
nismus“ wird sich aus analogen Gründen in den Augen 
derjenigen rechtfertigen, die wissen, wie Ende der achtziger 
Jahre das Wort „physiologisch“ von „psychologisch“ zur Be— 
nennung eines neuen, höheren Grades von Wirklichkeitssinn ab— 
gelöst wurde. 
Kann man freilich sagen, daß der Wirklichkeitssinn selbst 
des physiologischen, geschweige denn des psychologischen Im— 
pressionismus schon allgemein verbreitet sei? Keineswegs! 
Dem Laien, dessen Aufnahmefähigkeit noch auf die Nüancen 
der früheren Kunst eingestellt ist, erscheinen die neuen, viel 
feineren und zugleich schärferen, gleichsam schreienderen Ab— 
schattierungen der Farbenwelt als im hohen Grade peinlich; 
sie erregen ihm Spannungsgefühle, die er im Bereiche der ihm 
geläufigen Assoziationen nur schwer oder gar nicht lösen kann:
	        
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