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Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
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Vor allem weist er zunächst auf ihren unbedachten Eifer zugunsten
der Produktion hin. Die klassischen Schrifststeller sagen, daß das allge
meine Wachstum der Produktion keine Unzuträglichkeiten nach sich zieht,
dank des selbsttätigen Mechanismus, der sofort in Wirkung tritt, sobald
die Unternehmer an irgendeinem Punkt über die Bedürfnisse der Nach
frage hinausgehen: — die sinkenden Preise zeigen ihnen an, daß sie auf
dem falschen Wege sind, und daß sie ihre Kräfte nach einem anderen
Ziele lenken müssen. Ebenso zeigt eine Preiserhöhung, daß das Angebot
ungenügend ist, und daß mehr fabriziert werden muß. Daher werden
die etwa begangenen Fehler stets nur für den Augenblick und vorüber
gehend sein.
Dem hält Sismondi entgegen: wenn die Nationalökonomen, anstatt
in abstracto zu denken, die Tatsachen in ihren Einzelheiten betrachtet
hätten; wenn sie anstatt die Erzeugnisse anzusehen, die Menschen ins
Auge gefaßt hätten, würden sie sich nicht so leichtsinnig über die Irrtümer
der Fabrikanten hinweggesetzt haben. Wenn das Angebot unzureichend
war, um einer fortschreitenden Nachfrage zu genügen, dann freilich schadet
seine Vermehrung Niemandem und nützt Allen. Wenn aber umgekehrt
die Bedürfnisse nicht so schnell wachsen wie das Angebot, dann läßt sich
die Einschränkung des übermäßigen Angebots nicht so leicht bewerk
stelligen. Glaubt man, daß von heute auf morgen die Kapitalien und die
Arbeit eine Industrie, die im Niedergang begriffen ist, aufgeben können,
um sich einer anderen zuzuwenden? Keineswegs! Der Arbeiter kann
nicht plötzlich die Arbeit verlassen, die ihm seinen Lebensunterhalt gibt,
i'ud die er in einer oft langen und teuren „Lchrlingszeit“ gelernt hat, —
in der er sich durch eine professionelle Geschicklichkeit auszeichnet, deren
Vorteile er in einer anderen Beschäftigung verliert. Anstatt das zu tun,
wird er lieber seinen Lohn verringern lassen, wird er lieber die Arbeitszeit
Verlängern, „er wird es vorziehen, 14 Stunden am Tag zu arbeiten, die
Zeit opfern, die er früher dem Vergnügen und der Ausschweifung widmete,
u ud die gleiche Anzahl Arbeiter wird bedeutend mehr Erzeugnisse
hervorbringen“ 1 ). — Was den Fabrikanten anlangt, so wird er ebenso
wenig, wie der Arbeiter bereit sein, ohne Widerstand seine Fabrik auf-
z ugeben, in deren Errichtung und Anlage er die Hälfte oder drei Viertel
feines Vermögens gesteckt hat. Fixes Kapital läßt sich nicht von einer
Fabrik auf die andere übertragen. Auch wird der Fabrikant durch die
Gewohnheit festgehalten, „eine moralische Kraft, die der Berechnung
m cht unterliegt“ 2 ), und wie der Arbeiter, klammert er sich an die Industrie,
die ihn bis dahin ernährt, und die er geschaffen hat. So wird denn die
P roduktion, weit davon entfernt, sich selbsttätig einzuschränken, dieselbe
hieiben oder sogar noch größer werden; . . . allerdings wird sie zum Schluß
') N. p„ i, s. 333.
a ) N. P., I, s. 336.