30 llI. Die Haupttatsachen der älteren deutschen Agrargeschichte.
Dem Umsstand, daß bei den alten Germanen die Viehzucht
den Ackerbau überwiegt, entspricht das Betriebssystem, welches
sie aller Wahrscheinlichkeit nach gehabt haben: die rohe oder
wilde Feldgraswirtschaft. Die Feldgraswirtschaft begünstigt die
Viehhaltung, läßt dagegen den Getreidebau zurücktreten, der
von den später aufkommenden Körnerwirtschaften bevorzugt
wird. Im Gegensatz zur geregelten Feldgraewirtschaft wird
bei der wilden das Land eine unbestimmte Zahl von Jahren
zum Getreidebau benutzt und ebenso eine unbestimmte Zahl
von Jahren dem ohne menschliches Zutun aufkommenden Gras-
wuchs überlassen und als Weide verwendet.
Wenn die Germanen auf umfangreiche Weidegebiete Ge-
wicht legten, so ist es andererseits bezeichnend, daß sie nach
Tacitus Wiesen noch nicht kannten. Im Ackerbau sind ihnen
jedoch Pflug und Egge schon bekannt. Wie Jie hiernach in der
Technik der Ackerwerkzeuge von den Römern kaum etwas lernen
konnten, so sind ferner die feldmäßig im großen angebauten
Pflanzen, namentlich unsere sämtlichen Halmfrüchte, altger-
manissch. Auch eine Reihe der nahrhaftesten Gemüsearten war
entweder allen oder wenigstens den Südgermanen längst vor
Ankunft der Römer vertraut. Dagegen verdanken die Germanen
den Römern den feinern Gartenbau. Ganz römisch ist auch
der Obstbau der Germanen, vom Apfelbaum abgesehen. Der
Weinbau erscheintseit dem zweiten Jahrhundert auf germanischem
Boden.
II
Die verhältnismäßige Gleichheit des Besitßes und die ge-
ringeren ständischen Unterschiede, die uns in der deutschen Ur-
zeit begegnen, erfahren mit der Völkerwanderung eine Ab-
wandlung. Allmählich, freilich recht langsam fortschreitend,
stellen sich stärkere wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegensätze
ein. Zunächst machen sie sich da geltend, wo die Germanen
in römisches Gebiet vordringen, welches sie ja schon kannte.
Es kommt ferner in Betracht, daß der germanische Herrscher (in
monarchischer Verfassung betrat man die römischen Grenzen)