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Was die Ermäßigung der Zölle auf Grobgarne anbetrifft, so
stimmt ihr der angegebene Bericht, wenn auch schweren Herzens, im
Interesse der Weberei zu. — Tatsächlich herrscht in der Grobgarn
spinnerei oft, nicht nur in den letzten Jahren, Überproduktion. Sie
ist nun einmal — allerdings nicht nur wegen des auf Grobgarnen
ruhenden Zolles — am rentabelsten und zieht daher viele Unter
nehmer an; der Zoll aber, der der deutschen Grobgarnspinnerei eine
Art Monopol verschafft, muß ja die an und für sich schon vor
handene Anziehungskraft noch erhöhen, er leistet direkt einer Über
produktion Vorschub. Der höhere Zoll nützt also weder der Spinnerei
noch der Weberei, sondern er schädigt unter Umständen beide. Ein
niedrigerer Zoll dagegen sorgt einmal dafür, daß die Preise sich nicht
über den Weltmarktpreis erheben und hält andererseits allzuviel Zu
zug fern. Dabei bedeutet aber der Zollsatz, wie ihn die Kommission
in der zweiten Lesung festsetzte, das erforderliche Mindestmaß des
Zollschutzes, soll die deutsche Baumwollindustrie künftighin der aus
ländischen Konkurrenz Stand halten.
Die Frage, die in dem nächsten Einwand angeschnitten wird:
wer bezahlt die Zölle? läßt sich nicht allgemein beantworten. Wären
wir bei dem Bezüge der Feingarne allein auf das Ausland angewiesen,
dann freilich würden wir selbst den Zoll tragen müssen; es handelt
sich doch aber darum, die bei uns bestehenden Feinspinnereibetriebe
gegen die Konkurrenz des Auslands auf dem Inlandsmarkte zu schützen.
Zu dem Zwecke aber muß der Zoll so hoch sein, daß wenigstens die
Verschiedenheiten in den Produktionskosten etwas ausgeglichen
werden. Freilich gegen „Exportaktionen“, bei denen fremde Garne
auf dem deutschen Markt verschleudert werden, gibt es kein Allheil
mittel, das sind aber nur Ausnahmefälle, unsere Spinnerei macht sich
auf dieselbe Weise Luft. Kurzum, deshalb darf die Spinnerei wieder
um nicht die Interessen der Weberei verletzen.
Die Exportfähigkeit der Weberei wird nicht sowohl durch die
Höhe der Garnzölle, als vielmehr durch die Zollsätze der Länder be
einflußt, nach denen exportiert wird. Dann kommt es darauf an, ob
diese Länder etwa billiger produzieren, oder ob wir mit niedrigeren
Selbstkosten arbeiten. Dabei kommt denn freilich die Höhe der
Garnzölle in Betracht. Vergleichen wir aber einmal die Garnzölle
in den verschiedenen Ländern, so sehen wir, daß Deutschland dabei
lange nicht an erster Stelle stand 5 ). Die Weberei, eine Exportindustrie
par excellence, bedarf eines Erziehungszolles nicht mehr, wohl aber
i) Ein typisches Beispiel für die Höhe der Garn- und Gewebezölle (reduziert auf
Kilogramm und Mark) gibt J. Grunzei, System der Handelspolitik, Leipzig 1901, S. 362.