148 HI. Die Ausbildung des Fabrikbetriebes von 1870 bis zur Gegenwart.
dem man den Zoll auf Raps, Rübsen, Dotter, Ölrettichsaat, Senf
und Hederichsaat von 2 M. auf 5 M. erhöhte und die bisher
frei eingehende Leinsaat mit einem Zoll von 0,75 M. pro 100 kg
belegte. Während man im Jahr 1885 auch die Einfuhrzölle auf
Öle entsprechend den Saatzöllen erhöht hatte, wurde 1902 der
Einfuhrzoll auf Leinöl überhaupt nicht verändert und der auf
Rüböl nur von 9 auf 12 M. heraufgesetzt, obgleich dem vermehrten
Saatzoll eine Erhöhung um ca. 8,40 M. entsprochen
hätte. Die Folge dieser ungenügenden Steigerung der Ölzölle
wäre ohne Zweifel eine bedeutende Schädigung der deutschen
Leinöl- und Rübölindustrie gewesen, da die konkurrierenden
Länder England, Holland und Frankreich, die keine Einfuhrzölle
auf Ölsaaten haben, in diesem Falle imstande gewesen wären,
Leinöl und Rüböl zu billigeren Preisen an den deutschen Markt
zu bringen, als dies der deutschen Industrie möglich gewesen
wäre. Dies erkannte man denn auch noch rechtzeitig und ermäßigte
bei Abschluß der Handelsverträge den Zoll auf Raps
usw. von 5 M. auf 2 M. und hob gleichzeitig den Leinsaatzoll
wieder auf. Damit ist zunächst die Gefahr für die deutsche Ölmüllerei
beseitigt, da aber bei Ablauf der Handelsverträge die
im Tarif vorgesehenen Zölle von 5 M. und 0,75 M. pro 100 kg
in Kraft treten können, kann nicht oft genug darauf hingewiesen
werden, daß auch trotz der hohen Einfuhrzölle der Anbau der
Ölgewächse in Deutschland sich infolge der oben angeführten
Ursachen nicht vermehren wird, und die Einfuhrzölle auf Ölsaaten
daher zu verwerfen sind.
Wenden wir uns nach dieser Abschweifung wieder zu unserer
Aufgabe zurück. Mußte sich die Einfuhr an Ölsaaten schon
infolge des Rückganges der deutschen Saatproduktion vermehren,
so kam als weiterer Grund für diese Steigerung noch hinzu,
daß man in Deutschland im Laufe der letzten Jahrzehnte in
größerem Maße zur Verarbeitung neuer Saaten überging. Bereits
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begann man in einzelnen
deutschen Ölmühlen Palmkerne und Erdnüsse zu verarbeiten,
ohne daß diese Zweige der Ölmüllerei jedoch größere
Bedeutung erlangen konnten. Erst mit der Vervollkommnung
der Seeschiffahrt und der damit verbundenen Verbilligung der
Frachten wird es lohnend, überseeische Saaten in größeren
Mengen in Deutschland einzuführen und hier auf Öl zu verarbeiten.
Die Verbesserung des Schiffahrtsverkehrs hatte ihre