Full text : Die deutsche Ölmüllerei

78  II.  Die  Entstehung  und  Ausbildung  des  Fabrikbetriebes  bis  1870.
Öl  nicht  mischbar,  nur  schwer  in  die  fetten  Pflanzenzellen  eindringt. ­
  Anders  lag  die  Sache  bei  öl-  und  fettlösenden  Flüssigkeiten; ­
  läßt  man  diese  auf  zerkleinerten  Ölsamen  einwirken,  so
tritt  eine  Diffusion  ein,  und  die  Ölsaat  gibt  bei  genügend  langer
Berührung  und  mehrmaliger  Zuführung  neuer  Mengen  des
Lösungsmittels  ihren  Ölgehalt  schließlich  vollkommen  ab.
Dies  richtig  erkannt  und  als  erster  in  die  Praxis  umgesetzt
zu  haben,  ist  das  Verdienst  des  Franzosen  Deiss,  welchen  man
daher  als  den  Vater  des  Extraktionsverfahrens  bezeichnen  kann.
Er  erhielt  1856  ein  Patent  auf  „eine  Methode  der  Anwendung
eines  Apparates  zur  Extraktion  von  Ölen,  Fetten,  Schmalzarten
und  Harzen  aus  Knochen,  roher  Wolle,  Samen  und  anderen
Substanzen  mittels  Schwefelkohlenstoff,  Chloroform,  Äther,
flüchtigen  Ölen,  Benzin  oder  Benzol“.  Seine  Extraktionsanlage
bestand  aus  einem  Extraktor,  einem  Destillator  und  einem
Kondensator,  und  von  den  in  seinen  Patenten  aufgezählten  Lösemitteln ­
  benützte  er  den  Schwefelkohlenstoff,  welchen  er  für  das
geeignetste  Mittel  zur  Extraktion  hielt  und  selbst  im  Großen
fabrikmäßig  herstellte.  Die  gut  zerkleinerte  Ölsaat  wurde  in  den
Extraktor  gebracht  und  kam  dort  so  lange  mit  Schwefelkohlenstoff ­
  in  Berührung,  bis  alles  Öl  aus  der  Saat  verdrängt  war.  In
dem  Destillator  wurde  darauf  das  Öl  durch  direkten  und  indirekten ­
  Wasserdampf  von  dem  Lösemittel  befreit  und  letzteres
im  Kondensator  wieder  vom  Wasser  geschieden.  Die  Rückstände ­
  befreite  man  ebenfalls  durch  Einblasen  von  Wasserdampf ­
  von  den  Resten  des  Lösemittels.
Da  es  Deiss  mit  seinem  Verfahren  tatsächlich  gelang,  die
Rückstände  fast  vollständig  zu  entölen,  brachte  man  seinen  Versuchen ­
  bald  allgemeines  Interesse  entgegen,  und  es  entfaltete
sich  in  den  nächsten  Jahren  eine  äußerst  rege  Erfindertätigkeit
auf  diesem  Gebiete.  Im  großen  und  ganzen  brachten  aber  alle
Patente  nur  unwesentliche  Änderungen  der  Deiss’schen  Apparatur, ­
  und  allein  das  von  dem  Deutschen  Seyffarth  1857  empfohlene ­
  und  von  Heyl  1862  in  einer  Fabrik  in  Riesa  angewendete
Verfahren  unterschied  sich  in  wesentlichen  Punkten  von  dem
Deiss’schen.  Während  nämlich  Deiss  nach  dem  Prinzipe  der
Verdrängung  arbeitete,  d.  h.  dem  Ölsamen  in  jedem  einzelnen
Extraktor  so  lange  frischen  Schwefelkohlenstoff  zuführte,  bis
eine  vollständige  Entfettung  desselben  erzielt  war,  benutzte
Seyffarth  das  Prinzip  der  systematischen  Auslaugung,  bei  wel-
            
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