12 Aufgaben und Methoden der Volkswirtschaftslehre.
der Voraussetzung eines völlig hyothetischen, von der übrigen
lvelt gänzlich getrennten Staats aufgestellt, in dem nur eine
einzige Stadt im Mittelpunkt gelegen ist und keinerlei natürliche
Verkehrsstraßen existieren - das m Wirklichkeit unmögliche Experi
ment ist gedankenmäßig völlig durchgeführt.
Aber es leuchtet ohne weiteres wiederum ein, daß diese For
schungsweise zwar viel, bei weitem aber nicht alles zu erklären
vermag. Die Voraussetzung vom erleuchteten Selbstinteresse des
„wirtschaftsmenschen" und dessen restloser Durchsetzung trifft
eben durchaus nicht immer, eigentlich sogar niemals zu. wir
können rrlhig sagen, glücklicherweise nicht, denn solch ein reiner
wirtschastsmensch ohne Irrtum und Leidenschaft wäre unerträg
lich, und wäre gar die ganze Welt so ausschließlich ökonomisch
gerichtet, so fehlte ihr alles, was dem Leben Reiz und Farbe gibt.
Tatsächlich werden denn auch jene ökonomischen Erwägungen
tausendfach durchkreuzt, überholt, vom Wege abgelenkt von Be
gehren und Leiden, hohem Flug der Gedanken und dumpfer
Unwissenheit.
Der Mensch der Wirklichkeit', der „geschichtliche
Mensch" ist ein ariderer als der Wirtschaftsmensch, und es ist
nach Dietzels schönem wort die Aufgabe des Wirtschaftshistorikers,
zu zeigen, daß dieser geschichtliche Mensch keine ausschließlich
vom Lrwerbsbetrieb bewegte Marionette ist. „Das gleiche Indi
viduum mag heute wie ein geriebener Spekulant, morgen wie ein
sorgloser Verschwender handeln. Die Lebensstellung, der Eharak-
ter, die Laune des Moments differenzieren Maß und Art des Er
werbstriebs. Die eine Zeit, das eine Volk mag sklavisch in seinen
Banden liegen, eine andere Zeit, ein anderes Volk ihm eine weit
geringere Herrschaftssphäre einräumen. Die Sucht nach Reichtum
ist nur eine in der großen Zahl der psychischen Kräfte, welche in
den wirklichen Menschen sich regen; sie kann die übrigen ertöten,
doch gleicherweise von ihnen überwunden, mindestens gelähmt
werden."
Es ist nun aber das Eigentümliche auch dieser außerwirt
schaftlichen Motive und Vorgänge, daß sie „wirt
schaftliche" Folgen haben. Kaum ist wohl etwas Unwirt
schaftlicheres zu denken als der Krieg, aber kaum auch et
was, das tiefer in die Sphäre der Wirtschaft eingreift. Schon in
seinen Vorbereitungsstadien, im Frieden, ist der Krieg Veranlasser
unzähliger wirtschaftlicher Vorgänge. Die Riesensummen, dir