316 Die Abstufdng der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
HE u
2, Zunächst nimmt historisch von Haus aus die Gemein-
schaft mehr Raum als die Gesellschaft ein, sowohl extensiv wie intensiv.
Dieser Sat gilt sowohl für die Entwicklung des Einzelnen wie für die
Gattung. Das Kind wird hineingeboren in die Gemeinschaft, nicht aber
in reine Vertragsverhältnisse. Ebenso überwiegen bei der Menschheit
auf tieferen Kulturstufen die Gemeinschaftsverhältnisse durchaus. Die
Familie, die Sippe, die Lokalgruppe, selbst zum Teil der Stamm bilden
hier mehr oder weniger Gemeinschaften und dasselbe gilt auch von der
dörflichen Gruppe im Bereiche des Volkstums. Auch das Wirtschafts-
leben gehört durchweg, im schärfsten Gegensaß zu unseren Verhältnissen,
lem Gebiet der Gemeinschaft an. Sein Hauptträger ist zunächst an-
gesichts der mehr oder weniger geschlossenen Hauswirtschaft der Natur-
völker die Gemeinschaft der Familie oder Sippe und teilweise auch der
Männerbünde oder der jagenden Männer überhaupt. Ein Tausch von
Waren findet im allgemeinen nicht innerhalb desselben Stammes, sondern
zwischen benachbarten Stämmen statt, die dabei zugleich in eine freund-
schaftliche Berührung miteinander treten und den Austausch nicht als
strenges Geschäft, sondern in Form der Tauschgemeinschaft ($ 22,,) voll-
ziehen. Diese herrscht überhaupt durchweg auf dieser Stufe an Stelle
ler reinen geschäftlichen Beziehungen. .
Erst die moderne Kultur hat zugleich mit den großen Dimensionen der Lebens-
serhältnisse eine Abkühlung des gegenseitigen Verhaltens im Sinne des Gesellschafts-
zerhältnisses mit sich gebracht. Namentlich sind die Menschen an einseitig wirtschaft-
iche Beziehungen gewöhnt worden. Bis ins neunzehnte Jahrhundert waren diese
jedoch immer noch vielfach mit patriarchalischen Verhältnissen durchsett. Erst seitdem
hat eine weitere Auflockerung und damit eine entschiedene Abkühlung stattgefunden
und neben dem wirtschaftlichen Austausch als einem Anerkennungsverhältnis ist jebt
in breiter Ausdehnung das Kampfverhältnis im wirtschaftlich-gesellschaftlichen wie im
solitischen Leben und das Machtverhältnis besonders im ersten Stadium der Industrie
and im Verhältnis der Monopolinhaber gegenüber den Käufern getreten. Alles das
ind verhältnismäßig junge Gebilde und Verhältnisse, und es ist fraglich, ob sie über-
haupt in der gegenwärtigen Form dauernd lebensfähig sind. Das heutige Westeuropa
unterscheidet sich von allen östlichen Kulturen durch ein Maß von Individualisierung
and geradezu Atomisierung, das vielleicht die Grenzen des dauernd Möglichen über-
schritten hat.
Nicht ganz geklärt ist die Verbreitung der Kampfverhä 1t-
nisse auf tieferen Stufen. Dauernde Zwiste nach Art z. B. der Blut-
rache scheinen innerhalb derselben Lokalgruppe ausgeschlossen zu sein.
Wenigstens in manchen Fällen ist uns bezeugt, daß innerhalb einer solchen
iefergehende Zwiste überhaupt nicht vorkommen, sondern durch, ein
starkes Gemeinschaftsbewußtsein unmöglich gemacht sind. So heißt es
in einer vorzüglichen Schilderung der heidnischen Stämme Borneos (bei
Hose and Me Douzall, Pagan tribes of Borneo 2, 195), nachdem die Ver-