214
p Die Herrschaft des Wortes“,
am schöpferischen Begriffe fruchtet allein nichts. Die Rückschau ist
erst möglich, wenn unser Denken fr ei kommt vom Geschehen selbst,
dem es innewohnt; wenn es Muße findet, seinen Blick von Vollzug
zu Vollzug, von Handlung zu Handlung wandern zu lassen. Es muß
erlebtes Geschehen hinter sich sehen, lebendige Vergangenheit.
Dann erst kann es die Lehre daraus ziehen, und sieht auch Handlung
über Handlung vor sich, Zukunft. Freilich, den begrenzten
Vorblick lehrt unser Denken schon die einzelne Handlung. Selbst
der schlichteste Zweckgehalt eines Strebens verweist uns auf einen
Weg, der erst zu begehen bleibt. Auch alles Erdulden, das sich in
der Erinnerung eingeprägt hat, als schattenhafte Vergangenheit, droht
mit einer unbestimmten Wiederholung aus der Ferne; wer Schweres
erlebt hat, hat das Bangen damit erlernt, auch wenn er sonst kein
Hasenfuß ist. Aber die begrenzte Zukunft der ablaufenden Handlung,
und die schattenhafte Zukunft aus dem Bangen, sie reichen nicht an
die Vorstellung heran, die sich aus jener Rückschau der Vorschau
mitteilt. Erst mit der unbegrenzten Wiederkehr von Handlungen, die
wir doch schon in Rechnung ziehen, wird die unerlebte Zeit lebendig;
hört auf, die bloße und gespenstige Frage zu sein — für die unsere
Träume die schülerhaften Antworten schreiben, bis das Schicksal mit
seinem Rotstift darüber hinfährt. Und diese lebendige Zukunft steht
um so klarer vor uns, je klarer lebendige Vergangenheit hinter uns
liegt. Wir sehen deshalb peinlicher zurück, führen sorgsamer schon
über das Erleben Buch, um deutlicher vorauszusehen. So werden
auch Vorschau und Rückschau miteinander reif; durch eine Fülle der
Beziehungen, die hier nur recht hölzern anzudeuten ging. Ich suchte
diese Beziehungen im ausmalenden Sinne zu erklären; indem ich erwog,
wie der Einzelne zur Erfassung lebendiger Zeit kommt. Hier kann
das theoretische Denken es weithin dem urwüchsigen zuvor tun; und
die Probe auf echt „historisches“ Denken wird immer die sein, ob man
die gewisse Empfindung hat, daß auch die verklungenen Zeiten nicht
rascher vom Erleben sich lösten, und nicht minder schicksalserfüllt
waren, als die von uns durchlebten.
Es ruht in unserem Handeln selber begründet, daß unser vor-
und unser rückschauendes Denken es einander gleich tun. Da
wie dort ist die Aufgabe die nämliche: Wir müssen lernen, mit Einem
geistigen Blick immer mehr des erlebten Geschehens zu überfliegen.
An der Hand der Wiederkehr wird unser Denken mit unbestimmten
Mengen des Handelns fertig. Wir erfassen Zustände, die sich aus
dem Durchlebten heraus, über das Erleben hinweg, in das Unerlebte
dehnen. Die Art, wie das Handeln im Erleben zusammenhängt, lernen