Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. 31
betrügerische Börsenspieler, der wucherische Kreditgeber, der Hehler und der Dieb wissen
hre Thätigkeit vielen, mit denen sie in Berührung kommen, zu verbergen, sind anderer—
seits in den Kreisen derer, die mit ihnen ein gleiches Gewerbe treiben, vielleicht als die
Geriebensten geachtet und darum stolz auf diesen Ruf. Er ersekßt ihnen, was sie an
Anerkennung im übrigen entbehren.
Die beständige Rückficht, sagt Lotze, auf das, was andere, für uns die Vertreter
des Allgemeinen gegenüber unserer Individualität, von uns denken werden, vertritt
sowohl in den ersten historischen Zeiten der Menschheit als in den Anfängen der persön—
lichen Entwickelung, endlich auf jenen niedrigen Bildungsstufen, auf denen ein Teil
unseres Geschlechts beständig verharrt, mit mehr oder weniger Glück und Vollständigkeit
das eigene inoralische Gewissen. Lazarus nennt dieses Sich-Fühlen in einem größeren
Ganzen eine Erweiterung des Selbstgefühls. Und unzweifelhaft vertritt für alle weniger
entwickelten Individuen dieses Teilhaben an dem Selbst— und Ehrgefühl eines gesell—
schaftlichen Kreises das Selbstgefühl.
In seinem älteren Werke führt Ad. Smith sogar in übertreibender Weise alles
Streben nach Reichtum auf die Anerkennung durch andere zurück. Dieses Streben erscheint
ihm nach den idealistischen Rousseauschen Empfindungen seiner Zeit überhaupt ziemlich
thöricht. Der Tagelbhner ist ihm so glücklich wie der Millionaͤr; die Bedürfnisse der
Ratur könne auch der erstere befriedigen. Was also, sagt er, treibt uns darüber hinaus?
Wir wollen, antwortet er, bemerkt, mit Sympathie, mit Beifall umfangen werden. Der
Arme schämt sich seiner Armut; der Besitz wird nur erstrebt, um bemerkt zu werden.
Smith berührt hier denselben Gedanken, den neuerdings die Kulturhistoriker ganz richtig
betoni haben, welche alle Kleidung aus dem Schmuck und allen Schmuck aus der Absicht
hergeleilet haben, sich durch die Abzeichen, Federn, Farben, durch die Tätowierung,
durch die Gürtel und Ringe auszuzeichnen, von anderen sofort erkannt und als höher
Gestellle, als Mitglieder einer Sippe, eines Stammes sich anerkannt zu sehen.
Wir sind damit gewissermaßen schon zu einem anderen menschlichen Triebe oder
zu einer Abart des Anerkennungstriebes gekommen, zu dem Trieb der Rivalität.
Beruht auf dem Anerkennungstrieb der Bestand und die Gruppierung der gesellschaft⸗
ichen Kreise, so beruht auj dem Rivalitätstrieb die Bewegung der Gesellschaft.
Es ist gewiß das Ursprünglichere, daß der Menschals Gleicher unter Gleichen,
als Glied eines Ganzen, einer Sippe, eines Stammes, eines Standes, einer Körperschaft
sich fühlen will; alle ursprungliche Gesellschaftsverbindung und noch heute alle einfacheren
gesellschaftlichen Beziehungen beruhen darauf. Die feinere Geselligkeit lebt heute noch
hon der Fiktion, die sich in einem Salon Versammelnden seien gleich und erkennten sich
als solche an. Aber alle Ausbildung der Individualität wie alle kompliziertere Gesellschafts⸗
verfassung hängt mit dem Triebe, der zunächst bei den Stärksten, Begabtesten sich zeigt,
zusammen, über diese Anerkennung als Gleicher unter Gleichen hinauszukommen.
Indem der Mensch seine Gefühle und Vorstellungen zum Selbstgefühl zusammen—
faßt, sein eigenes Ich der übrigen Welt, den Gliedern seiner Familie, seinen Genossen
enlgegensetzt, entsteht notwendig in ihm die Reigung, diesen Schnitt zwischen sich und
den übrigen zu benutzen zu einer Erhebung über sie. Es entstehen die selbstischen Ge—
fühle, die Eigenliebe, die Schadenfreude, der Hochmut, das Bessersein- und Besserwisfen⸗
wollen. Der Knabe freut sich der stärkste, der Jüngling der tapferste zu sein. Die
primitivsten Anfänge einer komplizierteren Gesellschaftsverfassung schaffen Häuptlings-,
Fuhrer⸗, Richter⸗, Priesterstellen, auf Grund deren sich einzelne über die anderen erheben;
— Auswahl der schönsten Weiber für die
ungesehenen Manner; die wachsende Habe, der Herdenbesitz, später das Grundeigentum
schaffen Abstufungen in der socialen und wirtschaftlichen Lage, die mit den Abstufungen
der socialen Ehre erst parallel gehen, später auch getrennt von ihnen als Ziel die
Kraftvolleren locken. Kurz es entsteht nach und nach der Kampf um höhere Ehre,
zroöͤßeren Besitz, schönere Weiber, das Ringen um höheres gesellschaftliches oder irgendwie
specialisiertes Ansehen. Die Rivalitätskämpfe sowohl der einzelnen als der Gruppen
der einelnen spielen bald eine größere, bald eine geringere Rolle; ganz fehlen sie in