sondern die Regel, das beweisen die Privilegien, durch die die Städte
fremde Handwerker heranzuziehen suchten. Wodurch wurde der Mangel
hervorgerufen ? Zunächst durch das geringe Wachstum der gesamten
Bevölkerung. Wir können feststellen, daß infolge der großen Sterblichkeit
während einer ganzen Periode — von 1250—1450 — von einem nennenswerten
Zuwachs der Bevölkerung kaum die Rede sein kann. Dazu kam,
daß der agrarische Bevölkerungsüberschuß ein reiches Betätigungsfeld
im deutschen Osten fand, wo es galt, das Land durch Kolonisation dem
Deutschtum zu gewinnen. Der Zustrom zu den städtischen Gewerben
war gering. Damals öffneten die Städte noch weit ihre Tore. Aber auch
abgesehen von der Bevölkerungsbewegung hätte sich die Zahl der Handwerker
nur langsam vennehren können, da sich die Erfahrung, auf der
die damalige Technik beruhte, nur allmählich im Dienste der Meister
erlernen ließ. Die Erfahrung der Meister war die einzige Quelle, aus der
die Technik schöpfte. Und aus diesem Grunde war auch ein rasches Fortschreiten
der Technik selbst unmöglich. Denn wem die Kenntnis des
inneren Zusammenhanges der technischen Prozesse fehlt, wem Ursache
und Wirkungen verschlossen sind, der kann auch nicht zielbewußt an
dem Fortschritt der Technik arbeiten. Nur der Zufall spielt ihm eine
Erfindung in die Hände, die er dann um so leichter als sein Geheimnis
bewahren kann.
Der niedrige Stand und die große Stabilität der Technik und das
langsame Wachstum der Handwerkerschar hemmten ein Übermaß des
Angebots. Durch den Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft
wie im Gewerbe war die Gesamtkaufkraft gestiegen, aber in dem gesamten
Austauschverhältnis war das Gewerbe in der glücklichen Lage, mit seinen
Waren den Bedarf nicht voll decken zu können. Diese günstige Lage
konnte auch nicht durch Konkurrenz von auswärts erschüttert werden;
die Transporttechnik gestattete keinen größeren interlokalen Verkehr.
Abgesehen von den Zeiten der Mißernten, Kriege und Volksseuchen gewannen
die Handwerker stets durch Produktion für fremden Bedarf
ihren Lebensunterhalt, erreichten sie ohne Not bei voller Freiheit das
Ziel ihres wirtschaftlichen Strebens. An die Stelle der Gebundenheit in
der Periode der geschlossenen Hauswirtschaft trat die Gewerbefreiheit in
der ersten Hälfte der Periode der mittelalterlichen Stadtwirtschaft.
Aus dieser Darstellung ergibt sich auch die Antwort auf die Frage:
warum allmählich die Zunftbewegung einsetzte und immer größere Bedeutung
erlangte. Die Gunst der Umstände wandelte sich. Die Bevölkerung
wuchs an. Der Überschuß vom Lande zog jetzt zur Stadt. Der Andrang
zu den städtischen Gewerben stieg. Die notwendige Folge war die Verstärkung
des Angebots gewerblicher Produkte. Zwar wird sich durch