5
unterhalt zu gewinnen 1 ). Darin liegt ja der große Fortschritt in der wirt
schaftlichen Gesamtorganisation der Periode der mittelalterlichen Stadt
wirtschaft gegenüber der der geschlossenen Hauswirtschaft. Zur Zeit
der geschlossenen Hauswirtschaft bildeten die Hausgenossen eine sich
selbst genügende Produktions- und Konsumtionsgemeinschaft. Der
Produktivitätsfortschritt, den die Periode der Stadtwirtschaft brachte,
lag in der Verselbständigung und Spezialisierung der Berufe, in der Arbeits
teilung. Von nun ab war die Gewinnung des eigenen Lebensunterhaltes
in immer steigendem Maße nur möglich durch wirtschaftliche Tätigkeit
für fremden Bedarf. Es entstand die Erwerbswirtschaft. Der selbständig
gewordene städtische Handwerker konnte seinen Lebensunterhalt bei
voller Gewerbefreiheit nur so lange gewinnen, als die Nachfrage stets
dem Angebot entsprach, oder es überbot.
Die Marktverhältnisse im Frühmittelalter waren dieser Forderung
günstig * 2 ). Dank der Gliederung des Volkes in althergebrachte Stände:
Geistlichkeit, Ritterschaft, Bauer und Bürger, dank dem zähen Festhalten
an Sitten und Gebräuchen innerhalb dieser Gruppen konnten die Gewerbe
treibenden mit einer gleichmäßigen Nachfrage rechnen. Es hatten sich
bestimmte Bedürfnisse herausgebildet, die sich im Laufe einer längeren
Periode kaum änderten. Gleichzeitig aber wuchs die Kaufkraft, diese
Bedürfnisse zu befriedigen. Es hob sich bis gegen Ende des Mittelalters
die Wohlhabenheit des Bauernstandes vor allem bedingt durch die Auf
wärtsbewegung der landwirtschaftlichen Produktion. Der Steigerung der
Ertragsfähigkeit des Bodens, dem landwirtschaftlichen Produktivitäts
fortschritt, entsprach die Steigerung der Leistungsfähigkeit im Gewerbe,
hervorgerufen durch die Arbeitsteilung, die Spezialisierung. Die Kauf
kraft der einzelnen wuchs zunächst mit der Menge der Produkte, die sie
zu erzeugen und anzubieten vermochten. Es wuchs auch die Kaufkraft
derjenigen, die indirekt an dem allgemeinen Produktivitätsfortschritt
teilnahmen: der weltlichen und geistlichen Rentenbezieher.
Für die städtischen Handwerker zeitigte die gestiegene Produktions
kraft in Landwirtschaft und Gewerbe nur so lange günstige Folgen, wie
das Austauschverhältnis nicht gestört wurde durch ein Überangebot von
gewerblichen Erzeugnissen oder gewerblicher Arbeitskraft. Das Angebot
vermochte aber im Frühmittelalter die Nachfrage nicht zu überholen.
Einerseits fehlte es an Arbeitskräften, andererseits erlaubte der Stand
der Technik nicht eine schnelle Ausweitung der Erzeugung.
Mangel an Handwerkern bildete in jener Zeit nicht die Ausnahme,
*) L. Pohle, Der Unternehmerstand 1910 S. 7.
2 ) Sombart a. a. O. Bd. I 1. Buch 6. Kapitel.