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— man denke z. B. an die Amsturzvorlage, die Lex Recke, das Zucht
hausgesetz — in der Folge entweder ganz beseitigt oder im Sinne oder
wenigstens in der Richtung des Protestes abgeändert worden, und ebenso
sind gesetzgeberische Maßnahmen ganz oder teilweise verwirklicht worden,
zugunsten deren die Berliner Arbeiter demonstriert haben.
Selbstverständlich waren in den meisten dieser Fälle die Berliner De
monstrationen nicht die einzigen im Lande, aber sie waren in den häufigsten
Fällen die bei weitem größten und wirkungsvollsten, und gewöhnlich war es
auch Berlin, das den anderen Ortschaften das Signal gab. Aber den Anteil
nun, den die Demonstrationen an der Gestaltung des Schicksals der einzelnen
gesetzgeberischen Maßnahmen hatten, werden die Schätzungen auseinander
gehen, in dem einen oder anderen Fall wird man ihn vielleicht äußerst
gering ansetzen müssen. Aber damit würde der allgemeine Wert der
Demonstrationen noch nicht verneint werden. Wie vielfach in Natur und
Wirtschaft, so braucht es auch in der Politik oft des Zusammenwirkens
sehr vieler Kräfte, sehr viel scheinbarer Verschwendung, um bestimmte
Resultate zu erzielen.
2. Demonstrationen an die Adresse der Behörden.
Zum Teil noch an die Gesetzgebung, vornehmlich aber an die städtische
Verwaltung und die Staatsbehörden als Verwaltungsorgane richteten sich
die Demonstrationen, die in Zeiten größeren Geschäftsdrucks meist in Form
von Versammlungen von Arbeitslosen stattfanden und von den be
zeichneten Körperschaften Abhilfe verlangten. Diese Versammlungen
waren fast ausnahmslos sehr stark besucht und führten, da die Polizei bei
ihnen ganz besonders scharf aufzutreten pflegte, während der Zustand der
Arbeitslosigkeit naturgemäß die Gemüter der unter ihm Leidenden nicht kalt
läßt, wiederholt zu Zusammenstößen von Deinonstrierenden mit der Polizei.
Schon das Jahr 1891 sah in seinem Beginn solche Arbeitslosen
versammlungen. Der Geschäftsausschwung, der um das Jahr 1888 ein
gesetzt hatte, hatte nicht lange vorgehalten. Verschärft, wenn nicht zum
Teil verursacht durch das damalige starke Steigen der Getreidepreise stellte
sich schon im Laufe des Jahres 1890 neuer Geschäftsdruck ein und mit
ihm ganz besonders während des Winters bittere Not bei den Beschäftigungs
losen. Es fanden daher am 13. Januar 1891 in zwei großen Sälen
Berlins Arbeitslosenversammlungen statt, die ungemein stark besucht waren
und Resolutionen annahmen, in denen die Zahl der Arbeitslosen Berlins
aus 70 000 angegeben wurde. Die Resolutionen stellten an die Behörden
die Forderung, durch beschleunigte Inangriffnahme schon beschlossener
und notwendiger Bauten, Beschäftigung von Arbeitslosen bei der Straßen
reinigung usw. der Arbeitslosigkeit zu steuern und zur Linderung der Not
wenigstens den Kindern in den Volksschulen täglich zwei Portionen warmes
Essen verabfolgen zu lassen. Die Resolution kam in Forin einer Petition
am 22. Januar vor die Stadtverordnetenversammlung, ward aber von
dieser mit großer Mehrheit abgelehnt, worauf am 28. Januar von neuem
zwei Arbeitslosenversammlungen — die eine in der Lippsschen Brauerei im
Nordosten, die andere in der Bockbrauerei im Süden Berlins — statt
fanden, welche beide noch stärker besucht waren als die ersten, und sich mit
der Widerlegung und Zurückweisung der Einwände befaßten, die von den
Bernstein, Berliner Geschichte. III. ^