79-Entweder
sind sie eingegangen oder sie wurden aufgekauft, oder sie haben
sich mit machtvollen Stahlwerken fusioniert, um unter den Fittichen der
Großen weiter zu leben.
Da es so schwer ist, die zukünftige Entwicldung richtig abzuschätzen,
die gemeinsamen Interessen über die Sonderinteressen zu stellen, und die
dauernden Vorteile eines Kartells zu würdigen, haben alle zwanglosen
Vereinigungen in der Industrie wesentlich die Kartellbildung befördert.
Sie führten die Unternehmer zusammen, gaben ihnen Gelegenheit die
wirtschaftliche Lage zu erörtern und ebneten durch gemeinsame Tätigkeit
auf mannigfachen wirtschaftlichen Gebieten den Boden für die Kartelle.
Die Hindernisse, die dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat entgegenstanden,
sind nicht zum geringsten Teil durch die Kohlenklubs verringert
worden. 1880 wurde der Essener, 1885 der Dortmunder und 1890
der Gelsenkirchener Kohlenklub ins Leben gerufen. Der Erfolg ist aber
schließlich nicht minder abhängig von dem Vorhandensein der geeigneten
Persönlichkeiten, die durch ihre suggestive Kraft und ihr Organisationstalent
den Kristallisationspunkt bilden. So ist das Kohlensyndikat aufs
engste verknüpft mit dem Namen Kirdorf. Ein Volk, das besonders reich
an Persönlichkeiten mit ausgeprägtem Organisationstalent ist und dessen
Unternehmertum die Diszipliniertheit besitzt, sich einem gemeinsamen
höheren Zweck unterzuordnen, wird unter gleichen Umständen eine
reichere Kartellbildung aufweisen. Dieser Vorzug soll den Deutschen
eigen sein 1 ).
Die Sonderinteressen, ein Haupthindernis aller Kartellbildungen,
schießen zu einem guten Teil deshalb immer wieder ins Kraut, da in den
meisten Fällen nicht die gesamte Produktion der einzelnen Unternehmungen
vom Kartell erfaßt wird. Es gibt keine Kartelle der Eisenindustriellen,
der Glasfabrikanten oder Baumwollfabrikanten. Wir kennen nur Kartelle,
die einzelne Zweige dieser Produktion erfassen 2 ). Das Kartell haftet sogar
in der Regel an einem ganz bestimmten Artikel. Die Stahlwerke gehörten,
ehe der Stahlwerksverband gegründet wurde, besonderen Kartellen für
Schienen, Träger und Halbzeug an, für ihre übrige Erzeugung bestanden
zeitweise noch Kartelle für Grobblech, Feinblech, Draht usw. In der Glasindustrie
finden wir besondere Kartelle für Flaschen, Spiegelglas und
andere Glasartikel. Fast in jedem Produktionszweig werden einzelne
Werke, die sich nur auf die Erzeugung eines bestimmten Artikels verlegen,
neben solchen stehen, die ihre Erzeugung möglichst vielseitig ausgestaltet
haben. Neben den Stahlwerken standen und stehen zum Teil noch heute
*) Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum S. 47 u. 65,
s ) Grunzei, Über Kartelle S. 7.