Kapitel II, Adam Smith.
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Liste aller Umstände aufstellen, unter denen Smith die Intervention
der öffentlichen Gewalt für gerechtfertigt erklärt: die gesetzliche Fest
legung des Zinsfußes 1 ), die Verwaltung der Post durch den Staat, der
obligatorische Volksschulunterricht, die für die Zulassung zu jedem
freiem Berufe oder jedem Vertrauensposten notwendigen Staatsprüfungen,
die Festsetzung des Minimalnennbetrages der Banknoten auf fünf Pfund 2 )
usw., usw. In einem charakteristischen Satze hat er ganz allgemein seine
Meinung mit Hinsicht gerade auf diese Beschränkung der Freiheit der
Banken ausgedrückt: „Allerdings können solche Maßregeln einigermaßen
für eine Verletzung der natürlichen Freiheit gelten; allein Ausübungen
der natürlichen Freiheit weniger Individuen, die die Sicherheit der ganzen
Gesellschaft gefährden, werden durch die Gesetze aller Staaten einge
schränkt, und müssen eingeschränkt werden; das gilt ebensosehr von den
freiesten wie von den despotischsten Staaten“ 3 ).
Bei all diesen Einschränkungen bleibt doch die Tatsache nicht weniger
klar bestehen, daß das ganze Werk Smith’s eine Verteidigungsrede zu
gunsten der wirtschaftlichen Entfesselung des Individuums ist. Es stellt
eine Anklageschrift gegen die merkantilistische Politik und gegen jedes
darauf beruhende wirtschaftliche System dar.
In dieser Hinsicht besteht eine völlige Übereinstimmung zwischen
der Rolle, die Smith in England spielt, und der, die zur gleichen Zeit
die Physiokraten in Frankreich spielten. Innen wie außen war damals
die Freiheit der Produzenten, der Kaufleute und der Arbeiter durch
ein Netz von Vorschriften eingeschränkt, von denen die einen in den
Überlieferungen des Mittelalters, die anderen in mächtigen, von falschen
wirtschaftlichen Theorien getragenen Privatinteressen wurzelten. In
den Städten bestand noch die Zunftordnung, obgleich sie nicht mehr
auf diejenigen Industrien anwendbar war, die nach dem Erlaß des be
rühmten Lehrlingsgesetzes der Königin Elisabeth entstanden waren.
Las Reglementierungssystem mit seiner Schar von Beamten, die die
LabrikationsVorgänge, das Gewicht, die Länge, die Beschaffenheit der
l ) Völkerreichtum I, S. 211, B. II, Kap. IV, am Ende. Wahrscheinlich wurde
® r später durch Bentham’s Buch: Defense of usury, das 1787 zugunsten der Dar
lehnsfreiheit veröffentlicht wurde, zum Gedanken der vollständigen Freiheit bekehrt,
wenn man einem Gespräch, das 1789 ein Freund Bentham’s mit Smith hatte, Glauben
schenken will, und das in einem Briefe an Bentham von einem anderen seiner Freunde,
George Wilson, wiedergegeben ist. Vgl. J. Rae, Life of Adam Smith, S. 423.
! ) Völkerreichtum I, S. 190, B. II, Kap. II.
3 ) Völkerreichtum I, S. 190, B. II, Kap. III. Er fährt wie folgt fort: „Brand
mauern, die dem Weitergreifen des Feuers Vorbeugen, sind eine ganz ähnliche Ver
ätzung der natürlichen Freiheit, wie die hier angeführten Bankmaßregeln “ Diese
Stelle beweist, daß Smith öffentliche Verordnungen zugunsten der materiellen Sicher
heit der Bürger zugibt. An einer anderen Stelle zeigt er sich als Anhänger hygienischer
Maßnahmen zum Schutz gegen ansteckende Krankheiten (II, S. 218, B. V, Kap.I,
Teil 3, § 2).