Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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Schrittes  der  Demokratie  geringer,  die  den  Wunsch,  vorwärts  zu  kommen,
immer  schneller  und  immer  höher  zu  steigen,  anspornt  (was  er  geistreich
das  Gesetz  der  Kapillarität  nennt);  —  sei  es,  daß  man  schärfer  umrissene
Ursachen  anzieht,  die  dann  für  jede  Schule  andere  sind;  wie  das  gleiche
Erbrecht,  auf  das  die  Le  PtAY’sche  Schule  verweist,  die  Abschwäehung
der  moralischen  und  religiösen  Vorstellungen,  wie  Paul  Bueeau  ausführt, ­
  oder  die  Unmäßigkeit  in  allen  ihren  Formen:  Völlerei,  Alkoholismus ­
  usw.  Leider  kann  man  nicht  sagen,  daß  irgendeine  der  bisher
gegebenen  Erklärungen  vollständig  befriedigte,  und  ein  neuer  Malthus
würde  sehr  gelegen  kommen,  um  der  demographischen  Wissenschaft
eine  neue  Zukunft  zu  eröffnen 1 ).

II.
Ricardo.
Ricardo  ist  der  größte  Name  der  Nationalökonomie  und  kommt
■  gleich  nach  Adam  Smith.  Er  ist  sogar  bekannter.  Adam  Smith  hat
gerade  infolge  der  weisen  Mäßigung  in  seinen  Ansichten  keine  Schule
gemacht  und  nur  wenig  zum  Widerspruch  herausgefordert;  Nationalökonomen ­
  aller  Schattierungen  sitzen  zu  Füßen  des  Meisters  und  hören
ehrfurchtsvoll: 2 )  „
aus  seinem  Mund  die  Weisheitsworte  fließen
(de  sa  bouche  abonder  les  paroles  divines).
Aber  nicht  in  diesen  erhabenen  Regionen  muß  man  Ricardo  suchen;
er  steht  im  dichtesten  Getümmel.  Um  seinetwillen  wogt  der  Kampf,

*)  Es  gibt  jedoch  eine  Anzahl  Soziologen,  die,  wie  Malthus,  nach  den  biologischen
Gründen  suchen;  wie  er  solche  für  die  Erklärung  der  Übervölkerung  gefunden  hat,
haben  sie  andere  zur  Erklärung  der  Entvölkerung  aufgedeckt.
Fourier  und  der  englische  Schriftsteller  Doubleday,  der  40  Jahre  nach  Malthus
schrieb,  glauben  z.  B.,  daß  die  Fruchtbarkeit  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Ernährung
stehe.  Es  würde  das  eine  automatische  natürliche  Hemmung  gegen  jede  Gefahr  einer
Übervölkerung  darstellen.  Andere  glauben,  daß  die  Zeugungskraft  im  umgekehrten
Verhältnis  zur  geistigen  Tätigkeit  stehe.  Als  Grundlage  beider  Erklärungen  würde
danach  ein  recht  bedeutsamer  Unterschied  in  der  Entwicklung  des  Individuums  und
der  der  Gattung  in  Frage  kommen.  Sie  haben  jedoch  wenig  Anhänger  gefunden.  Sollten
ihre  Annahmen  der  Wahrheit  entsprechen,  so  würden  sie  den  Ausblick  in  die  Zukunft
nicht  zuversichtlicher,  sondern  im  Gegenteil  noch  dunkler  gestalten,  da  dann  die  Völker
nnd  die  Klassen,  die  sich  zuerst  zu  höherem  Wohlstand  und  höherer  Kultur  emporgearbeitet ­
  haben,  zum  Untergang  verurteilt  sind,  während  die  noch  armen  und  rohen
Massen  ihren  elenden  Zustand  beibehalten  und  sich  weiter  in  unendlicher  Zahl  vermehren ­
  würden.
2 )  Ein  Vers  von  Andre  Cheniek  über  Homer.

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