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Zweites Buch. Die Gegner.
Trennung von Eigentum und Arbeit hat zur Folge, daß nur die Ein
künfte der Besitzenden steigen können; die der Arbeiter bleiben stets
auf das Existenzminimum beschränkt. Infolgedessen ergibt sich daraus
ein Mangel an Harmonie in der Nachfrage nach dpn Erzeugnissen. Mit
einem gleichmäßig verteilten Besitzstände und einem ungefähr gleich
mäßigen Steigen der Einkommen würde auch eine gewisse Gleichmäßig
keit in der Vermehrung der Nachfrage Hand in Hand gehen. Die gewöhn
lichen Industriezweige, die die wesentlichen und allgemeinsten Bedürf
nisse befriedigen, würden ihre Produktion regelmäßig und ohne Sprünge
steigen sehen. Aber tatsächlich wachsen nur die Einkünfte der Reichen.
An Stelle der Nachfrage nach den gewöhnlichen Gegenständen wird daher
eine wachsende Nachfrage nach verfeinerten Gegenständen treten, wo
durch die Grundindustrien vernachlässigt und Industrien des Luxus
geschaffen werden; wenn diese letzteren sich nicht schnell genug vermehren,
so wird die Nachfrage nach Gegenständen zur Befriedigung des höheren
Geschmackes sich an das Ausland wenden. Was ergibt sich nun aus
diesem beständigen Wechsel? Die verlassenen alten Industrien sind ge
zwungen, ihre Arbeiter zu entlassen; andererseits können sich die neuen
Industrien nur langsam entwickeln; in der Zwischenzeit sind die ent
lassenen und arbeitslosen Arbeiter darauf angewiesen, ebenfalls ihren
Verbrauch an gewöhnlichen Lebensmitteln einzuschränken; hieraus
ergibt sich ein beständiger Unterkonsum, der notwendigerweise d* e
entsprechenden Krisen herbeiführt. „Durch die Konzentration der
Vermögen in der Hand einer geringen Anzahl von Eigentümern ver
engert sich der Inlandsmarkt immer mehr; die Industrie wird ständig
stärker darauf hingedrängt, ihre Absatzgebiete auf ausländischen
Märkten zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie bedrohen“ 1 )-
Daher ist „der Verbrauch eines millionenreichen Fabrikherrn, unter
dessen Befehl tausend Arbeiter arbeiten, die auf das Existenzminimum
angewiesen sind, für das Volk von weniger Wert, als der von hundert
Fabrikbesitzern, von denen jeder viel weniger reich ist, und von denen
jeder nur zehn Arbeiter, die viel weniger arm sind, beschäftigt“ 2 ) (S. 358).
Die Erklärung, die Sismondi von den Krisen gibt, — eine Erklärung,
>) N. P., I, S. 361.
2 ) An anderer Stelle: „Die kleinen Kaufleute und die kleinsten Manufakturisten
verschwinden; ein großer Unternehmer ersetzt hunderte von ihnen die zusammen
vielleicht nicht so reich wie er gewesen wären. Alle zusammen aber waren trotzdem
bessere Verbraucher als er. Sem verschwenderischer Luxus gibt der Industrie einen
viel geringeren Ansporn, als der ehrliche Wohlstand von hundert Haushaltungen, die
er ersetzt hat (II, S. 327). — Übrigens ist diese Theorie mehr als anfechtbar; es handelt
sich in Wirklichkeit darum zu wissen, ob die Gesamtmenge der Nachfrage die gleiche
bleiben wird, — und nicht darum, ob es sich um eine Verschiebung der Nachfrage
handelt, was keinesfalls eine allgemeine Krise herbeiführen kann sondern höchstens
eine vorübergehende Spannung.