Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 313
Und schließlich hat List den politischen Horizont der klassischen
Schriftsteller erweitert, indem er an Stelle ihrer rein statischen Auf
fassung eine dynamische Auffassung des Volkswohlstandes setzte. Er
hat so die Lehre vom internationalen Handel um denselben Gedanken
bereichert, den Sismondi in die innere Nationalökonomie eingeführt hat:
nämlich die Sorge um den wirtschaftlichen Fortschritt. Doch statt ihn
wie Sismondi hemmen zu wollen, will er ihn anspornen. Deshalb weist
er dem Staate eine aktive Rolle zu: er stellt ihm die Aufgabe, die Quellen
des zukünftigen Wohlstandes des Landes zu pflegen, indem er seine Pro
duktivkräfte anregt 1 ). Der Weg, den List vorschlägt — Schutzzölle —•
mag uns nicht sehr glücklich gewählt Vorkommen. Aber die Idee, die
seine Wahl bestimmte — der Begriff einer positiven wirtschaftlichen Rolle,
die der Regierung im Namen der zukünftigen Interessen beigelegt wird, —
bleibt richtig. Auch wenn sie uns heute fast banal erscheint, war sie
doch zur Zeit, als List sich zu ihrem Verteidiger aufwarf, ein ganz neuer
Gedanke.
Wenn man daher versucht, die wirkliche Tragweite des Werkes List’s
klarzustellen, so bemerkt man, daß er den unmittelbaren Zweck, den er
verfolgte, nicht erreicht hat. Der abstrakten Theorie des internationalen
Handels hat er keinen Abbruch getan. Dafür hat er aber zu dem Gebäude
der Beweisführung, das das ganze XIX. Jahrhundert aufzurichten bemüht
w ar, einen höchst wichtigen Stein gefügt: nämlich, daß die Klassiker die
a ßgemeinen praktischen Schlußfolgerungen ihrer Theorien zu schnell
gezogen hatten, da sie vergaßen, daß man im wirtschaftlichen Leben
nicht von der reinen Theorie zu ihrer praktischen Anwendung schreiten
an n, ohne alle die Bedingungen der Zeit, des Raumes und der Umwelt
wieder in die Rechnung einzusetzen, von denen man vorher zum Zwecke
. or Abstraktion berechtigterweise abgesehen hatte. Das Verdienst List’s
ist es, diese Wahrheit mit Hinsicht auf den internationalen Handel und
ur seine Zeit klar hervorgehoben zu haben.
Lühring ist der einzige wirkliche Nachfolger der Ideen List’s und Carey’s; er hat
wi £ ro ® em Talent und in einer bemerkenswerten wissenschaftlichen Weise ent-
ni C }if -v. ^ as er a8er am meisten bei diesen beiden Schriftstellern bewundert, ist
Ta * n 1 ®. c k u t z zallsystem, sondern ihr Streben, hinter den einfachen Tatsachen des
vincKr CS ^' e materiellen und moralischen Kräfte zu fassen, auf denen der Wohlstand
So .^ u kunft eines Landes beruhen. Er hat einen Kursus der National- und
z ia 1 ükonorn ie (Berlin, 1873) verfaßt, der äußerst interessant ist.
und '1 <iie Saint -Simonisten hatten vor ihm den Staat in gleicherweise aufgefaßt
s i V“ 1 die Aufgabe zugewiesen, die produktiven Kräfte in Bewegung zu setzen. List
■da* 5 V V ° n ihnen mit Sympathie, besonders von denen, die, wie Michel Chevalier
^i^jifrüknis ihrer Lehre zu der der früheren Schule zu ermitteln und ihre Ideen
Auser Ziehenden Zuständen in Verbindung zu bringen versucht haben“ (S. 491,
iür ' n° tta 18 H, Nat. Syst.). Doch er trennt sich von ihnen durch seine Vorliebe
der mdlv idue!le Freiheit und die Bedeutung, die er unter den produktiven Kräften
moralischen, intellektuellen und politischen Freiheit gibt.