Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

436  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

auf  die  wirtschaftlichen  Handlungen  unbestreitbar  eine  vorherrschende
Wirkung  ausübt 1 ).
Dieses  Verfahren  ist  so  natürlich,  wir  können  sogar  sagen,  so  unentbehrlich ­
  —  um  dem  Geist  zu  gestatten,  sich  in  der  Vielfältigkeit
der  Tatsachen  zurechtzufinden,  daß  die  Kritik  der  historischen  Schule
den  in  der  wirtschaftlichen  Literatur  seit  etwa  30  Jahren  immer  bezeichnender ­
  werdenden  Aufschwung  der  abstrakten  und  deduktiven
Methode  nicht  verhindert  hat.  Es  ist  wahr,  daß  die  modernen  Nachfolger
der  Klassiker,  wenn  sie  die  abstrakten  Methoden  wieder  zu  Ehren  gebracht
haben,  sie  nicht  mehr  wie  die  ersten  Klassiker  handhaben.  Sie  haben
der  Deduktion  einen  festeren  Ausgangspunkt  gegeben,  indem  sie  eine
exaktere  psychologische  Analyse  der  Bedürfnisse  aufstellen,  die  das  persönliche ­
  Interesse  befriedigen  soll *  2 ).  Auf  der  anderen  Seite  haben  sie
den  Mechanismus  der  Deduktion  vervollkommnet,  indem  sie  sich  nicht
nur  der  Regeln  der  gewöhnlichen  Logik  bedienten,  sondern  auch  die  der
mathematischen  Analyse  anwandten.  Die  Schlußfolgerungen  nun,  zu
denen  sie  in  einer  großen  Anzahl  von  Punkten  kommen,  unterscheiden
sich  außerordentlich  von  denen  der  Klassiker.
Glücklicherweise  bietet  der  Gegensatz  der  induktiven  und  deduktiven ­
  Methode,  der  von  der  historischen  Schule  aufgebracht  worden  ist,
heute  kein  besonderes  Interesse  mehr.  Die  bedeutendsten  Volkswirtschaftler ­
  haben  beide  Methoden  als  gleicherweise  notwendig  angenommen.
Die  verschiedensten  Schriftsteller  sind  übereingekommen,  diese  Fragen
der  Methode  als  nebensächlich  auszuscheiden  und  diesen  Streit,  bei  dem
die  Wissenschaft  nicht  viel  gewonnen  hat,  zu  vergessen.  Es  ist  der  Mühe
wert,  am  Schlüsse  dieses  Absatzes  auf  die  Meinungen  einiger  Gelehrter
hinzuweisen,  die  sehr  verschiedene  Richtungen  vertreten,  aber  doch  in
dieser  Hinsicht  ungefähr  gleich  denken.  „Die  Diskussionen  über  die
Methode“,  sagt  Pareto,  „sind  ein  reiner  Zeitverlust;  der  Zweck  der

*)  Vgl.  Karl  Menger,  Untersuchungen  usw.,  S.  79.  „So  wenig  wie  die  reine
Mechanik  die  Existenz  mit  Luft  erfüllter  Räume,  die  Reibung  usf.,  so  wenig  die  reine
Mathematik  die  Existenz  realer  Körper,  Flächen  und  Linien  leugnet,  ...  so  wenig  die
reine  Chemie  den  Einfluß  physikalischer  und  die  reine  Physik  den  Einfluß  chemischer
Faktoren  boi  Gestaltung  der  realon  Erscheinung  negiert,  ob  zwar  jode  dieser  Wissenschaften ­
  nur  eine  Seite  der  realen  Welt  berücksichtigt,  und  von  allen  anderen  abstrahiert:
so  wenig  behauptet  ein  Nationalökonom,  daß  die  Menschen  faktisch  nur  vom  Eigennütze ­
  geleitet,  oder  aber  unfehlbar  oder  allwissend  seien,  weil  er  die  Gestaltungen  des
sozialen  Lebens  unter  dem  Gesichtspunkte  des  freien,  durch  Nebenrücksichten,  durch
Irrtum  und  Unkenntnis  unbeeinflußten  Spieles  des  menschlichen  Eigeninteresses  zum
Gegenstand  seiner  Forschung  macht.“  Im  gleichen  Sinne:  Adolf  Wagner,  op.  01  ’•>
§  67ff.,  und  Marshall.

2 )  Die  heutigen  deduktiven  Volkswirtschaftler  verachten  die  Psychologie  so
wenig,  daß  man  sogar  gewissen  von  ihnen  (den  Österreichern)  den  Namen  „Psycho
logische  Schule“  gegeben  hat.  Man  kann  behaupten,  daß  sie  in  dieser  Hinsicht  vre
weiter  gegangen  sind,  als  die  historische  Schule.
            
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