Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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auch „sozial und konservativ“ 1 ). Zur gleichen Zeit hat er aber auch kein
Bedenken zu schreiben: „Soweit der Kern der Sozialdemokratie ein rein
wirtschaftlicher ist, gehöre ich ihr mit ganzer Seele an 2 ).“
Wenn er auch imstande war, die monarchische Politik mit dem so
zialistischen Programm zu vereinigen, so weigerte er sich doch, soweit die
wirtschaftliche Lehre in Betracht kommt, irgendein Kompromiß einzu
gehen. Dazu war er doch zu scharfsinnig. Der gleichen Ursache liegt auch
seine Feindschaft gegen die Kathedersozialisten zugrunde. Er ist der erste,
anzuerkennen, daß in der Praxis der Sozialismus sich heute mit Über
gangsmitteln begnügen muß, aber er gibt niemals zu, daß der Kompromiß
zum Schluß selbst Doktrin werde. Er nennt die Kathedersozialisten
„Zuckerwassersozialisten“ 3 ). Er lehnt es ab, an dem Kongreß von Eisenach
1872 teilzunehmen, den er „den Eisenacher Sumpf“ und „äußerst komisch“
nennt. Die Arbeitergesetzgebung nennt er „human-soziale Kapriolen“ 4 ).
Wenn er sein Programm in einigen tönenden Formeln zusammenfaßt, wie:
„Staat gegen Staatslosigkeit“ 5 ) muß man sich daher hüten, hierin auch
nur eine entfernte Zustimmung zu den nach seiner Ansicht viel zu ver
schwommenen Doktrinen des Staatssozialismus zu sehen 6 ). Trotzdem
war er, gegen seinen Willen, einer seiner einflußreichsten Vorläufer. Und
hierin liegt gerade das Besondere seiner Rolle.
Die ganze Theorie Rodbertus’ beruht auf der Idee, daß die Gesell
schaft ein durch die Arbeitsteilung geschaffener Organismus ist. Diese
große Tatsache, deren Tragweite nach seiner Ansicht Adam Smith kaum
e ist in ihren Umrissen gesehen hat, ist es, die alle Menschen in einer natur-
Qotwendigen Solidarität verbindet, sie aus der Vereinzelung heraushebt
u ad sie aus einer bunt zusammen gewürfelten Menge zu einer wirklichen
Gemeinschaft umbildet, — einer Gemeinschaft, deren Ausdehnung nicht
durch nationale Grenzen beschränkt wird, sondern keine anderen Grenzen
Ze igt, als die Arbeitsteilung selbst, die ihrerseits darauf hinstrebt, die
ganze Welt zu umfassen 7 )! Mit dem Tage, an dem jedes Individuum auf
b Brief an R. Meyer, vom 12. März 1872. — Vgl. auch die Briefe vom 23. Januar
u nd 3. Februar 1871.
b Brief an denselben vom 30. Nov. 1871, Brief Nr. 61, S. 141. 1874 denkt er
«an, sich als sozialistischen Reichstagskandidaten aufstellen zu lassen. „Aber ,
schreibt er, ,,erst muß der Staat im Militäretat und in dem Kirchengesetz stärkei
werden“ (an denselben, vom 14. Januar 1874, Brief Nr. 140, S. 352).
3 ) Brief an dens. v. 17. Okt. 1872.
b Brief an dens. v. 6. Januar 1873, Brief Nr. 117, S. 290. .
*) Brief an dens. v. 10. März 1872, und Physiokratie und Anthropokratie,
m de n Briefen und Sozialpolitischen Aufsätzen, S. 621 und 522.
6 ) In einem Briefe v. 26. August 1872, weist er energisch den Namen „Katheder-
Sozialist“ zurück. In dem: „Emanzipationskampf des vierten Standes“
Berlin 1874, S. 60—63 zitiert" Rudolf Meyer ausführlich eine nachdrückliche Kritik
Kathedersozialismus, die in einem Privatbrief Rodbertus enthalten ist.
7 ) „Die Teilung der Arbeit sollte gerade Gemeinschaft der Arbeit heißen . .