Kapitel IY. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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Diese Gesellschaft würde im vollen Sinne des Wortes auf der Brüder
lichkeit beruhen — und sogar, wie wir soeben gesagt haben, auf der
einzigen Brüderlichkeit, die einen wirklichen Grund für sich anführen kann:
den der gemeinsamen Vaterschaft Gottes, — aber nicht auf der Gleich
heit im sozialistischen Sinne des Wortes, denn in einer Familie verhindert
die Tatsache, Kinder des gleichen Vaters zu sein, nicht die Ungleich
heiten und bedingt sogar, wenn nicht das Kecht, so doch die Pflicht des
Ältesten. Ebenso soll in der Berufsgenossenschaft die Gleichheit in dem
Sinne herrschen, daß die Würde der niedrigsten Arbeit ebenso hoch
stehend, wie die der vornehmsten Arbeit sein wird, und daß ein Jeder
mit dem Platze, an den es Gott gefallen hat, ihn zu stellen, zufrieden
und sogar stolz darauf sein kann 1 ).
Aber diese Gesellschaft wird hierarchisch sein. Auf der Seite
der Arbeitgeber steht die Autorität mit all ihrer Verantwortung und
all ihren Pflichten; auf der Seite der Arbeitnehmer: geachtete Rechte,
die durch den Minimallohn gesicherte Existenz, und die wiederhergestellte
Familie 2 ).
Der soziale Katholizismus erklärt sich gegen den ersten Artikel des
sozialistischen Programms, in dem gesagt wird: „daß die Emanzipation
der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann“. Sie wird gerade
umgekehrt mit der Hilfe der Arbeitgeber und aller anderen sozialen
Klassen geschehen. Zu ihnen sind auch die berufslosen Klassen, wie die
Grundbesitzer, die Rentiers, und sogar die Verbraucher zu rechnen 3 ).
Sie alle zusammen müssen es lernen, die Verantwortlichkeit, die ihnen
ihre verschiedene Stellung auferlegt, und die besonderen Pflichten zu
erkennen, die ihnen daraus erwachsen, nämlich, ebenso wie der Haushalter
un Gleichnis, „mit den Gaben, die ihm der Meister anvertraut hat, zu
'wuchern“.
Die zum größten Teil aus Katholiken gebildeten christlichen
Gewerkvereine Deutschlands fangen an, zu großer Bedeutung zu
gelangen und manchmal sogar den roten sozialistischen Gewerkschaften
die Wage zu halten. Sie legen Gewicht auf. eine Einigung zwischen Ar
beitgebern und Arbeitnehmern, protestieren aber trotzdem energisch
*) „Die unter der Vormundschaft der Religion gebildeten Korporationen werden
bewirken, alle ihre Mitglieder mit ihrem Schicksal zufrieden zu machen, geduldig in
’hrer Arbeit und geneigt, ein ruhiges und stilles Leben zu führen (sua Sorte contentos,
operumque patientes et ad quietam ac tranquillam vitam agendam inducant“) (En-
c yklika „Quod Apostolici“, Leo ? s XIII. vom 28. Dezember 1878).
Vgl.: L’Histoire des Corporations von Martin Saint-Leon.
2 ) „Die Korporation ist ihrem Wesen nach ein Abbild der Kirche. Für die Kirche
®bd alle Gläubigen vor Gott gleich, aber damit hört die Gleichheit auf. Für alles Andere
s ®dsiehierarchisiert“(Segur-Lamoignon,AssociationCatholiquevom 13. Juli 1894).
3 ) La Ligue Sociale d J acheteurs, in Paris im Jahre 1900 gegründet, beruht
attf sozial-katholischer Grundlage.
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