Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes Buch. Die Abtrünnigen. 
deshalb, weil diese Genossenschaften sich vorwiegend mit ihren Berufs- 
interessen und ihren Lohnkämpfen beschäftigten und nicht dazu geeignet 
schienen, den Geist der Opferwilligkeit und Nächstenliebe zu entwickeln, 
der zur Verwirklichung des christlichen Sozialismus unumgänglich nötig 
ist. Ebensowenig sagte ihnen aber die Konsumgenossenschaft zu. Trotz 
des frischen Erfolges der Pioniere von Rochdale lehnten sie diese Organi 
sationsform ebenfalls ab, sei es, weil diese Genossenschaft als von dem 
ausgesprochen religionsfeindlichen Geiste Owen’s inspiriert schien (siehe 
oben Seite 258), sei es, weil ihr einziges Ziel darin bestand, das Leben 
des Arbeiters billiger und angenehmer zu gestalten, so daß sie alles in 
allem weiter nichts als Krämerläden (stores) vorstellten, die den „Christian- 
Socialists“ keine wünschenswerte Stätte für das kommende Reich Gottes 
zu sein schienen. Sie wendeten sich daher der Arbeiterproduktiv-Genossen- 
schaft zu, ebenso wie es übrigens auch die ersten katholischen Sozialisten 
getan hatten. Doch waren es nicht die Anschauungen Büchez’, den sie 
nicht gekannt zu haben scheinen, die sie ihren Bestrebungen zugrunde 
legten, sondern vielmehr die assozialistische Bewegung von 1848, die 
schon Stuart Mill in ihren Bann gezogen hatte (siehe oben Seite 404). 
Ludlow befand sich damals in Paris und hatte die Produktivgenossen 
schaft zur Zeit ihrer vollen, wenn auch kurzen Blüte gesehen. Es schien 
ihm, daß gerade Genossenschaften dieser Art das gesuchte wirtschaftliche 
Werkzeug seien, um die Lohnarbeiter in freie Produzenten zu verwandeln, 
und zu gleicher Zeit eine sehr gute Schule, um die Unterordnung des per 
sönlichen Interesses unter das allgemeine Interesse zu lehren. Diese 
Hoffnungen wurden aber noch schneller und noch vollständiger ent 
täuscht als in Frankreich. Kaum daß man von einem Beginn der Verwirk 
lichung sprechen kann. 
Doch hatten die Leiter des Bundes nicht ganz umsonst gearbeitet. 
Als sie ihre Ohnmacht einsahen, die Arbeiter anzuspornen, und die Hinder 
nisse kennen lernten, die die damalige Gesetzgebung der Bildung von 
Arbeitergenossenschaften in den Weg legte, wendeten sie sich an den 
Staat und eröffneten einen Feldzug, um eine liberalere Gesetzgebung zu 
erhalten. In Wirklichkeit sind ihnen auch fast allein die Gesetze von 
1852 und von 1862 (Industrial and Provident Societies Acts) 
zuzuschreiben, die zum ersten Male den Genossenschaften den Charakter 
juristischer Personen verliehen, und von denen alle anderen Arbeiter 
verbände Nutzen gezogen haben. 
Übrigens legten die christlichen Sozialisten nur geringes Gewicht 
auf die äußere Form, die der Verwirklichung ihres Ideals dienen sollte. 
Sie wußten aus Erfahrung, daß die Arbeitergenossenschaft und sogar 
die Gesetzgebung keine Früchte tragen konnten, solange die geistige 
Verfassung der Arbeiter nicht anders geworden wäre 1 ). Ihre Reform 
1 ) Kingsley schrieb 1856: „Die Assoziation wird die nächste Form der indu-
	        
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